Lago dei Campanitt

Freitag. Wo Martin schon 8 Mal fuhr, lasse ich mich das erste Mal hinaufhieven: Mit der Ritóm-Bahn, einer der steilsten weit und breit. Sie hat nur eine Kabine. Das Seil kommt auf separaten Rollen wieder hinunter und wird im Haus aufgerollt. Schwupps, sind wir oben und 20 Minuten später am Ritóm-Stausee, welcher Strom für die SBB produziert. Es gibt unzählige Seen und Seelein hier oben. 58 sollen es sein, hat Martin mir gesagt! Wir umrunden den grössten, den Ritóm, linkerhand. Zwei Gestalten stechen das ultrasteile Grasbort hinauf und sind nur noch als kleine, farbige Punkte zu sehen. Weiter vorne die Eltern. Die kraushaarige Mutter schreit immer mal wieder zurück und hinauf, die beiden Buben sollen doch endlich herunterkommen. Wie schlecht dressierte Hündchen machen diese genau das Gegenteil. Beim Überholen sage ich ihr halb scherzhaft, sie könne den beiden Angst einflössen, indem sie ihnen klar macht, dass das hier Steinschlaggebiet ist. DAS überzeugt SIE und nachdem ihr Crescendo immer noch keine Wirkung zeigt, kehren die beiden Erziehungsberechtigten wieder um, um zum Rechten zu sehen.
Der zweite See ist ein einzigartiges Fänomen: Er besteht aus drei Schichten, welche sich nie vermischen: Der Lago Cadagno. Unten eine giftige, sauerstoff-freie, welche von unterirdischen Quellen gespeist wird und wo anerobe Bakterien Schwefel verdauen. In der Mitte eine pinke Bakterien-Schleimschicht, die von Photosynthese lebt und verhindert, dass sich die Wasser vermischen. Oben ist dann die sauerstoffreiche Zone, in der sich auch Fische wohlfühlen. Es wurde sogar ein Forschungs- und Bildungszentrum gebaut, welches sich rund um diese Besonderheit dreht.
Ab hier wandeln wir auf alten Pfaden von mir. Es war im August im Jahre des Herrn 1990. Es war ein heisser Sommer, in dem ich mit µµ (Mümü), Lexi, Oli (†) und Mäge zuerst eine fünftägige Gletschertour vollbrachte: Fafleralp, Hollandiahütte, Aletschfirn, Konkordiaplatz, Konkordiahütte, Grünhornlücke, Finsteraarhornhütte, Finsteraarhorn, Oberaarjochhütte, Oberaargletscher und zum Grimsel. Die Gletscher schmolzen erstmals vor den Augen aller, und erfahrene Bergführer trauten ihren Augen nicht mehr! Dann gings von Andermatt weiter bis zu eben diesem Lago Cadagno. Ich konnte mich teilweise erinnern. Nicht zuletzt wegen dem kleinen Tagebüchlein, das ich damals schrieb. Ich machte bewusst keine Fotos, was ich heute etwas bereue. Hier ein kleiner Auszug:

„Von da an war es ein Gelaufe. Es gab da kleine, (sehr) kalte Bergseen, in denen sich baden und Haarewaschen lässt, einen kleinen Pass (?) zwei weitere, Kuh- und Turistenbesetzte Seelein, schliesslich noch ein Pass (Colombo) mit einem herzigen Tümpelchen drauf, darin Oli, der Stunden vor uns da war, knapp einem Herz- Kreislaufkolapps entging.
Schliesslich hatten wir unsere Zelte auch noch nie gebraucht, und so stellten wir mal eines auf, und ich die Hängematte. Das hätte ich allerdings lieber unterlassen, denn nach Spargelsuppe über dem (original)-Holzfeuer und Mondaufgangsstimmung mit obligatem Gefilosofe fror ich mir einen ab in meinem Nylongewebe, da es unten hindurch fürchterlich zog und der Mond schier unerträglich hell herabscheinwerferte.“

Etwas weiter oben, in der Capanna Cadagno, trinken wir Kaffee und staunen über die moderne Hütte. Dann sehen wir den markanten Pizzo Columbe (Colombe u.a. Schreibweisen) und nähern uns aufwärtsschreitend langsam an. Immer mal wieder kommen wir an blendend weissen Zucker-Dolomit-Vorkommen vorbei. Das ist eigentlich nur leicht gepresster, leicht salzig schmeckender Sand, den man in den Händen zerbröseln kann. Somit ist klar, warum die Tunnelbauer derart Respekt vor der Piora-Mulde haben, denn die besteht genau aus diesem Material. Auf dem Pass schliesslich den in meinen Aufzeichnungen erwähnte Lago dei Campanitt, welcher eher ein Juwel als ein Tümpelchen ist. Kaum ist die Familie weg, gibts Fotosession und das obligate Martin’sche Bad. Ich verzichte noch, zu stark sitzt der Bauch-Schmerz noch in meinem Gedächtnis.
Dann gehts hinab, erst steil und steinig, dann kommen die Lärchenwälder, später die Kiefern, und schliesslich die Talsohle, welche wir queren und wieder in einem lichten Kiefernwald wandeln, bevor wir kurz neben der Passstrasse zum P3 (Parkplatz) zum Ende unserer Wanderung gelangen: Alpe Casaccia. Ein Hund kommt zu uns und macht den Hund (Yogastellung). Wir kommen nicht draus, was er will und fragen ihn. Er kommt etwas näher und berührt mit der Schnauze ein klitzekleines Holzstückchen. Ich schalte sofort und werfe es ihm, damit er es apportieren kann. Er weiss genau, dass er sich nicht mit fremden Männern einlassen darf und achtet immer auf Abstand, während die Meisterin etwas weiter hinten an einem Holztisch mit dem Rücken zu uns ins Handy starrt und irgendetwas Interessantem lauscht. Sie und ihre beiden Hunde haben wir weiter oben, als wir an die Passstrasse kamen, bereits gekreuzt und ich habe kurz mit dem einen Hund interagiert. Er schloss uns wohl ins Herz und deswegen kam er dann zu uns spielen.
Das letzte von vier Postautos kommt mit vier Minuten Verspätung, und acht Minuten später, auf dem Lukmanierpass, müssen wir umsteigen und fahren nach Disentis hinunter. Die Schlucht ist teilweise spektakulär! In den fünf Minuten Umsteigezeit schafft es Martin, beim Kiosk zwei Kaffees zu bekommen und zahlt mit dem Gutschein, den wir am 17. Februar bekommen haben, wie der damalige Blog es beschreibt.
In Chur steigen wir um und in Landquart wieder aus. Im Binari wollen wir den Vegi-Wildteller bestellen, bekommen aber nicht mal Einlass, weil es pumpenvoll und reserviert ist. Wir suchen weiter und finden ein leeres Restaurant, wo es mega feine Pizza und eine Kugel Pistazien-Glacé gibt: Das Golden Cafe. Wie passend!

Bergstation Ritóm-Bahn
Leventina
Lago Ritóm Bild: (Martin Heimgartner)
Lago Ritóm
Cadagno di Fuori
Lago Cadagno (Gift-See)
Lago Cadagno (Gift-See)
Capanna Cadagno
Zucker-Dolomit
Pizzo Columbe (Mitte)
Tolle Furchen (Martin Heimgartner)
Tolle Pilze!
Blick zurück; Links am Horizont: Finsteraarhorn (Martin Heimgartner)
Pizzo Columbe (Mitte)
Goldbären @ Lago dei Campanitt
Grosser Goldbär schwimmt im Lago dei Campanitt
Lago dei Campanitt (Martin Heimgartner)
Lago dei Campanitt (Martin Heimgartner)
Passo delle Colombe
Abstieg Valle Santa Maria (Martin Heimgartner)
Blick zurück (Martin Heimgartner)
Abstieg
Abstieg (Martin Heimgartner)
Zuerst kommen die Lärchen
Dann die Kiefern
Sie klettern gerne auf Felsen…
Am Brenno (Martin Heimgartner)
Am Brenno
Am Brenno (Martin Heimgartner)
Im „Grossen Hain“ (Luco Magno / Lukmanier) (Martin Heimgartner)
Blick zurück
Zoom zurück (Martin Heimgartner)
Noch ein Stück zermahlter Zucker-Dolomit
Der spielende Hund
Die Tour