Blick auf Les Diablerets

Donnerstag. Auf der Zwischen-Heimreise unserer SF2 (Sommerferien 2) machen wir in Zweisimmen einen Umweg und gondeln mit der Gondelbahn auf den bereits bekannten Rinderberg. Von dort stechen wir steil hinab gen Osten, mitten durch gigantische Lawinenverbauungen, und essen in der Chemistube Salat und Rösti. Ich erwarte Molekularküche, aber mit „Chemi“ ist wohl der Kamin und nicht die Chemie gemeint. Dafür hats im Salat Fleischpastete, was nicht so recht in unser Vegidasein passt. So opfere ich mich und schlinge sie gierig runter.

Der Abstieg nach Ried ist Fleissarbeit. Es gibt einen Bergbach mit Wasser, diesen Sommer eine richtige Rarität! Vorbei an schönen Landi-Gärten. So nennen wir diese super gepflegten, überdüngten und mit Pestiziden gespritzten Vorzeige-Blumen- und Gemüseblätzen. An der Simme entlang, es hat sogar einen Vita Parcours, kommen wir wieder nach Zweisimmen, wo wir unsere Heimreise weiterführen.

Wir sehen einen alten Bekannten wieder: Den Kondukteur des Golden Pass, welcher schon vor Jahren ein Auge auf uns geworfen hat und der nun nach zwei Jahren wieder auftaucht. Wir wechseln ein paar nette Worte, bevor wir uns dezent in der 1. Klasse einnisten. Dann kommt eine Holterdipolterdi-Gruppe und verteilt sich prompt rund um uns herum. Es kommt wie es kommen muss: Der neben uns fängt lautlals an, übelste SVP-Propaganda zu verbreiten. So im Stil von Boppeler & Stark, es ist zum Heulen. Ich stecke mir die Ohrstöpsel rein und lasse den DJ krachen. So kann ich wenigstens wieder im Buch lesen.

In Spiez sind wir dermassen geplättet, dass wir im Bahnhofrestaurant eine Stunde lang aussetzen und Znacht essen. Dann Blick auf den Thunersee und gemütliche Heimreise.

Steil gehts bergab. (Foto: Martin Heimgartner)
Es ist wirklich steil hier! (Foto: Martin Heimgartner)
Imposante Aussicht!
Ein Wasser führender Bach! (Foto: Martin Heimgartner)

Montag. Martin hat wieder einmal eine schöne Idee: Wir fahren mit dem Bus, Schmalspurbähnchen und nochmals Bus nach Col du Pillon, der Talstation der Diablerets-Seilbahn. Wir steigen aber nach Nordwesten hinauf zum lauschigen Seelein Lac Retaud. Das Resti ist natürlich geschlossen. Ab hier gibts Neuland: Hinauf zum Pass Col de Seron, 200 Meter unterhalb des Cape de Moine, dem Mönchsgewand. Dieses sieht aber von hinten aus wie ein Schaf. Zuvor passieren wir noch die Alp Buvette de la Marnège (geschlossen) und das Restaurant Isenau, heute Terrasse, ehemals Bergstation der inzwischen abgebauten Gondelbahn von Diablerets her, ebenfalls zu. Mitgebrachter Goldbär-Birnen-Zwetschgenkuchen muss reichen. Das WC ist offen, zumindest dasjenige mit den Pissoirs. Es ist auch für Frauen deklariert, und über den Urinalen hängen verstörende Piktogramme.

Wir umrunden das Tal in einem stetig aufsteigendem Halbrund, vorbei an Alpen, wo das Wasser mit Hilfe von Benzin zu den Kühen hinaufgekarrt wird. Die Wiesen werden zunehmend steiler, bis es schon fast bedrohlich wird. Auf einer winzigen Alp mit einem Sumpf, welcher von einem pulsierenden Brunnen gespeist wird, machen wir Rast und essen feine Veltliner Pizzoccheri nach Goldbär Art und nehmen die letzten 150 Meter, mitten durch einen alten Bergsturz hindurch, welcher im Frühsommer mit Blumen übersät sein soll, wie mein Mann mir vorschwärmt. Jetzt ist alles etwas trocken, dafür sehen wir Silberdistel-Arrangements in gigantischem Ausmass, alle am Blühen, was Wildbienen und Hummeln anlockt, welche sich genüsslich darauf stürzen.

Oben angekommen, hat sich das Schaf in die Titanic verwandelt. Der Blick nach Norden tut sich auf, und wir sehen die beiden Täler, welche nach Étivaz hinunter führen. Wir entscheiden uns für das linke. Doch zuerst gehts nochmals steil hinunter, bis zu einer schnurgeraden, fast weissen Steinmauer, die den Sattel zweiteilt. In der Mitte davon ein kleiner, knutschroter See. Ob das wohl Blaualgen sind, oder Cyanobakterien? Wir wissen es nicht und sind froh, dass hier Libellen kreisen. So giftig kanns wohl doch nicht sein.

Von hier ist der Abstieg bekannt. Grimmige Fabelwesen schauen uns mit funkelnden Augen an, und ein Cross-Bübchen rast über die Weiden, wohl um zu seinen Kühen zu schauen. Nun ist wieder Fleissarbeit angesagt. An der Bergstation einer kleinen privaten Seilbahn, welche die Alp bedient, machen wir wieder halt, wie vor 2 Jahren schon mal. Im Talboden unten: Baustelle. Es werden Rohre verlegt. Hat wohl mit der Wasserversorgung zu tun. Ständig kreuzen uns Fahrzeuge, und wir sind dann froh, als wir an der Busstation ankommen. Im Käseladen gönnen wir uns Étivaz-Rollen mit kleinen Butterzopf-Brötchen und anschliessend ein Eis. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Lac Retaud (Foto: Martin Heimgartner)
Ein Schaf! (Foto: Martin Heimgartner)
Auf der Schaukel Richtung Les Diablerets
Verstörende Piktogramme
Aufstiegs-Traverse (Foto: Martin Heimgartner)
Zmittag auf der Sumpf-Alp
Sumpf! (Foto: Martin Heimgartner)
Immer noch ein Schaf… (Foto: Martin Heimgartner)
Silberdisteln à Discretion
Durch einen alten Felssturz hindurch (Foto: Martin Heimgartner)
Aus dem Schaf wird: Die Titanic! (Foto: Martin Heimgartner)
Blick vom Pass Col de Seron. (Foto: Martin Heimgartner)
Die Titanic verformt sich… (Foto: Martin Heimgartner)
Gruselige Alpbestien (Foto: Martin Heimgartner, Bearbeitung: Michael Leopold)
Nun ist das Mönchsgewand zu sehen! (Foto: Martin Heimgartner)
Die schnurgerade Mauer (Foto: Martin Heimgartner)
Giftsee?
Giftsee?? (Making Of) (Foto: Martin Heimgartner)
„Les Châteaux“ (Foto: Martin Heimgartner)
Wiedersehen macht Freude (Foto: Martin Heimgartner)
Kleines Intermezzo