
Freitag. Unser Ziel ist diesmal dieser markante, vulkanartige Berg, den man von weit herum aus sieht: Das Kistenstöckli (2747 müM). Mit Urs und Franziska fahren wir mit Zug und Bus nach Breil/Brigels, wo wir im Hotel mit dem gleichen Namen wie der Pass zum Muttsee übernachten. Für den Preis kommt es uns schon ein bisschen heruntergekommen vor, dafür ist die Aussicht auf die obere Surselva grandios.
Zusammen erklimmen wir die kleine Kirche Sogn Sievi, die etwas erhöht am Berg steht und von wo man schön auf das Dorf hinab sieht. Urs packt sein Okarina und die Noten aus und beginnt sofort, uns mit mittelalterlichen Klängen zu bezaubern, während wir draussen auf dem Bänklein träumen und philosophieren.
Da es im Hotel nur ein Menu gibt, reservieren wir im Restaurant Tödi, wo wir leckere Holzofenpizzas bekommen (auf die wir aber eine gefühlte Ewigkeit warten müssen…), davor Salat mit einer Vinaigrette, die im Himmel zubereitet zu sein scheint. Wir vermuten, dass es der Zucker darin ist, der uns zu diesem Glückspunkt führt.
Später kommen Charles, ein ehemaliger Schüler von Franziska, und Anne-Caterine, seine Mutter, dazu. Charles interessiert sich für Astronomie, und so gehen wir auf den kleinen Hügel hinter dem Golfplatz auf das grosse Flachdach der Militärbasis, wo Christian und Tochter Johanna ein Celestron-Teleskop aufgebaut haben und eifrig an den Einstellungen schrauben. Gemeinsam finden wir dann den Jupiter samt drei Monden, und Saturn mit seinen Ringen schafft es auch noch in den Fokus. Es ist Vollmond, und er steht gross und hell im Osten. Die Perseiden, scheinbar aus dem Sternbild Perseus kommend, machen sich deswegen am hellen Nachthimmel rar, obwohl heute Nacht ihr Maximum sein sollte. Manche halluzinieren sich ein paar Sternschnuppen herbei, andere sehen nichts. Was für eine schöne, unerwartete Überraschung dieser Abend!
Samstag. Wir haben die Nacht im Hotel überlebt, trotz Hitchcock-Stimmung wie im Film Psycho, und trotz stechendem Federkissen, aus dem die Keile rauslugen. Das Frühstück liegt in den Kühlkästen parat, nur dieses hervorkramen und die Getränke zubereiten müssen wir selbst, weil es erst ab 8 h Bedienung gibt. Mit gutem Zureden können wir auch auschecken, obwohl wir das so abgemacht haben, nur die Dame an der Rezeption davon nichts weiss und erst um 9 h öffnen möchte…
Nach dem Besorgen der Zwischenverpflegung in der Bäckerei fährt uns das Alpentaxi hinauf zur Alp Quader, von wo aus es noch etwas mehr als zwei Stunden zur Bifertenhütte am Fusse des Kistenstöcklis zu Fuss weiter geht. Hier gibt es erst mal Kuchen und Kaffee, und schon hat uns auch Urs eingeholt, der sich etwas schonen muss. Es wurde uns gesagt, dass man in 45 Minuten auf dem markanten Tafelberg oben sei. Die Bekanntschaft mit Daniel und Ursi, mit herzigem, ruhigem Hund, dessen Leine nie gespannt ist, verrät uns jedoch, dass es schon etwas verzwickter ist, denn man muss etwas klettern. Zwar hat es Ketten und Seile, aber es ist nicht jedermanns- und -fraus Sache. Wir nehmen es, wie es kommt, und laufen ohne Rucksack, den wir im Schuhraum deponieren, zu dritt los. Ja, es ist am Anfang steil, aber gut machbar. Wir sehen es als Yogaübung an: Fersendehnen! Dann gehts durch ein Labyrinth von aufeinandergeschichteten Schieferplatten. Und dann erscheinen die Ketten. Langsam aber stetig meistern wir auch das, und ehe wir es uns versehen, stehen wir in einer anderen Welt: Wie in einem schwarz-weissen Videospiel stapeln sich hier Schieferplatten aufeinander und bilden ein Platteau von etwa 200 x 50 Metern. Verstreut stehen übergrosse Schiefer-Steinmännchen. An den Rändern geht es überall senkrecht in die Tiefe. Der Ausblick ist genial in alle Richtungen. Die kümmerlichen Gletscherreste am Bifertenstock im Westen, der Limmernsee im Norden und weiter oben, neuerdings mit Solarpannels bestückt, der Muttsee im Osten und gegen Süden schweift der Blick nach Breil hinunter. Dahinter die Bündner Berge und der scheinbare Rand der Welt.
Plötzlich steht Daniel vor uns, der es nun auch geschafft hat, nachdem er sich ein kaltes Plättchen gegönnt hat. Wir schiessen gegenseitig ein paar Fotos in möglichen und unmöglichen Stellungen, winken Urs zu, der uns von unten mit dem Feldstecher beobachtet und sind froh, dass Daniel mit uns hinunter steigt. Erstaunlicherweise stellt sich das Hinunterklettern viel einfacher heraus, als wir befürchtet haben. Inzwischen kommen immer mehr Bergsteiger hinauf, doch alles geht wie am Schnürchen.
Auf dem Grat treffen wir uns alle wieder, denn auch Ursi ist mit dem Hund hier geblieben. Ich merke, dass mich der Hungerast in etwa fünf Minuten erreichen wird. So renne ich hinunter zur Hütte und beisse heisshungrig ins mitgebrachte Bagel-Sandwich. Als ich fertig bin, sind die anderen auch schon wieder da. Jetzt gibt es Zmittag. Die beiden älteren Frauen (sie könnten ein Paar sein), sind emsig beschäftigt. Die Hochgewachsene strahlt gegenüber Männern eine kühle Distanz aus, dafür ist die Kleinere mit der grauen Mireille Mathieu-Blumentopf-Frisur gesprächig und freut sich sehr, dass wir ihre selbst gemachte Gemüsesuppe und den Pastasalat so schätzen und plaudert aus ihrem Nähkästchen.
Bei der Alp Rubi Sura trennen wir uns nochmal auf. Urs und Franziska traversieren zur Sesselbahn, während wir zwei hinunter zum Fluss Flem absteigen und noch vor ihnen in Breil vorne ankommen.
Wir holen das Gepäck ab, welches wir in der Wohnung von Anne-Caterine deponieren konnten und essen im Vincenz, wo wir Ursi, Daniel und dem Hund wieder begegnen. Die Spaghetti nach „Art der Chefin“ schmecken wie ein Gruss aus der Kindheit. Ich spreche die Abräumerin scherzhaft an, ob sie denn die Chefin sei. Diese bejaht überraschend und ich erzähle, dass ich gerade in die Kindheit katapultiert wurde, so wie der Restaurantkritiker im Film Ratatouille. Sie ist sichtlich gerührt. Auch sie plaudert plötzlich aus ihrem Nähkästchen und verrät Martin ihr Rezept-Geheimnis ihrer Bizokels.
Um 18:50 fährt uns das Postauto nach Tavanasa runter, die Rhätische Bahn gondelt uns durch die furchteinflössenden Schluchten nach Chur und der ICE, ausschliesslich mit deutschen Steckdosen bestückt, nach Zürich, wo gerade die Streetparade nach zwei Jahren Pause ihren ersten Höhepunkt, die Parade, hinter sich hat. Wir fahren noch bis Oerlikon mit und verabschieden uns, steigen aus, essen unsere inzwischen flach gedrückten Nuss- und Mandelgipfel und warten auf unseren Zug nach Schöfflisdorf. Dort angekommen, geht gerade der riesige Mond auf, und auch in dieser Nacht sehen wir keine Perseiden. Später erzählen wir uns vor dem Einschlafen unsere herrlichen Erlebnisse und schlafen friedlich ein.




























Prächtige Bilder!!! Wenn ich die Aufnahmen vom Kistenstöckli ansehe, finde ich, dass das Erklimmen des Kistenstöcklis grenzwertig war. Herr Grüninger hätte euch ans Seil genommen!
Das Spiel von Urs in der Kirche wunderschön. Dass er nach seiner schweren Krankheit wieder mitwandern und noch ein Konzert geben kann, ist auch ein Wunder. Auch Franziska ist eine super Berggängerin.
Der Muttsee ist oben bei der Staumauer mit den Solarpanels und der Limmernsee ist das untere Gewässer. Ich dachte es sei umgekehrt, weil die Solaranlage im Fernsehen gezeigt wurde und vom Limmernsee gesprochen wurde.
Ich konnte die Geburtstagsbilder nicht öffnen und werde mich morgen am Abend melden.
Atem beraubend, insbesondere der Abstieg entlang des Geschirrladens… Was ich noch immer nicht begreife, ist die Farbe des Limmern-Sees, weil er so uni – ohne jegliche Zeichnung erscheint – oder ist es eine Farbe, welche digital mit diesem Chip nicht dargestellt werden kann?
Aufklärung tut not. Hahaa!