Zmittag im Rhätia

Freitag. Schneewandertag! Laut Vorhersage tut sich heute ein Wolkenloch auf. Und tatsächlich erblicken wir beim Müeslipicken einen güldenen Streifen am östlichen Horizont, der sich zunehmend vergrössert. Es wird immer strahlender, je näher wir uns unserem Ausgangsort nähern: St. Antönien im Prättigau. Der Postautochauffeur muss sehr vorsichtig fahren auf der kurvenreichen Strasse, über teils schneebedeckte, teils mit halbgefrorenem Matsch und weniger werdenden aperen Stellen. Im Rhätia essen wir Rösti mit Gemüse und Ei. Hier nächtigte ich vor vier Jahren bereits zweimal mit der Wandergruppe von Pink Alpine, allerdings im Sommer. Auch Martin war damals im gleichen Jahr im Winter hier.
Der Winterwanderweg ist gut ausgeschildert und führt am Anfang 411 Höhenmeter der schneebedeckten Alpstrasse entlang, durch einen kurzen, schrägen Blechtunnel unter dem Skilift hindurch und dann ab in den Wald. Ein kleiner Biohofladen bietet Bio-Alpkäse an, wir greifen zu. Wunderschön verschneit sind die Tannen und die Blaubeersträucher, die ihre blätterlosen Ästchen hervorstrecken. Ab und zu kommen Ski- und Snowboardfahrende entgegen, an einer Hand abzählbar. Der Himmel verdüstert sich und umgibt die Sonne mit in Aquarell gemalt aussehenden Tupfenwolken. Die Sonnenstrahlen gehen radial von ihrem Zentrum ab, wie von Kinderhand gemalt. Die zahlreichen Bänkli sind alle schneebefreit, und wir gönnen uns kurze Umzieh- und Trinkpausen. Der Blick hinüber in die Heuberge, wo wir vor einem Jahr schlittelten, begleitet uns den ganzen Tag.
Beim Pany Güggelstein, bei der Talstation des Skilifts des kleinen Gebietes, findet gerade eine Medallienehrung eines Kinder-Skirennens statt. Erst als wir bereits vorbei sind, wird uns bewusst, dass die Sieger mit dem Rücken zu uns auf den Podesten posieren und wir wohl im Hintergrund auf den Siegerfotos landen.
Etwas weiter unten im Dorf wird uns klar, dass da keine Bäckerei ist und kein Restaurant offen hat, wo wir uns verpflegen können. Beim Eingang der Schreinerei Holzwunsch fällt uns ein junger Mann mit dichtem, schwarzem Bart auf. Wir sprechen ihn an und fragen nach, wie es denn mit dem Gastronomieangebot aussieht. Nach kurzem Überlegen gibt er uns den Tipp, es gäbe einen kleinen Selbstbedienungs-Shop mit Kaffeemaschine. Dann meint er: „Moment, ich habe etwas für euch“, und holt aus dem Auto ein wunderschönes, herrlich duftendes Arvenplättchen, das er uns schenkt. Wir sind platt vor so viel Freundlichkeit und ich stammele unbeholfen herum. Es kommt nicht alle Tage vor, dass man von einem Jodler, Jäger und Schreiner beschenkt wird. An dieser Stelle: Nochmals herzlichen Dank, Thomy! Wir suchen den besagten Laden, den wir auch tatsächlich finden: Ari Dönz’s Chreemer Chamerä. Mit viel Liebe arrangiert gibt es hier Selbstgestricktes, Selbstgebasteltes, Selbstgebackenes, Feines aus der Umgebung und Kaffee. Den nehmen wir, und eines dieser hochverdichteten Törtchen mit viel Nuss, Honig und Eierlikör.
So gestärkt nehmen wir den Abstieg durch die Abenddämmerung nach Küblis unter die Füsse. Glitschig, mal durch Schneepflotsch, mal durch Erdpflotsch. Dann wieder Gras, Kies und Schnee. Unten angekommen, während wir uns wohlweislich und ausgiebig dehnen, entflammt der Himmel und taucht alles in ein mystisches Pinkviolett, während wir auf den pünktlich ankommenden Zug warten.
In Landquart essen wir wieder einmal im Binari und werden speditiv und ausnehmend freundlich bedient.
Während der Heimreise lassen wir uns noch einmal die schönen Erlebnisse des Tages durch den Kopf, die Fotoapparate, das Handy und das iPad gehen…

Vom Küchenfenster aus: Güldener Streifen am östlichen Horizont (Foto: Martin Heimgartner)
St. Antönien (Foto: Martin Heimgartner)
Blick vom Esstisch aus Richtung Süden (Foto: Martin Heimgartner)
St. Antönien (Foto: Martin Heimgartner)
Am Horizont gegenüber: Heuberge; gemalte Sonne (Foto: Martin Heimgartner)
Aufstieg; Blick nach Osten mit der Sturzfluh (Foto: Martin Heimgartner)
Heuberge, herangezoomt
Durch Wald und Moor
Durch Wald und Moor
Durch Wald und Moor
Durch Wald und Moor (Foto: Martin Heimgartner)
Tschatschuggen & Chüenihorn mit den berühmten Lawinenverbauungen
Flachgipfelfoto
Nochmal Heuberge
Weissfluhjoch und Weissfluh
Blick nach Süden: Weissfluh, Mattjisch Horn, Heuberge
Conters (Foto: Martin Heimgartner)
Ari Dönz’s Chreemer Chamerä
Von Küblis Richtung Osten: Saas, Älpeltispitz, Piz Buin
Küblis: Entflammter Himmel (Foto: Martin Heimgartner)
Die Tour