Orchideenland

Sonntag. Der Morgen startet gemütlich: Frühstück mit Aussicht! Erst nach dem Zmittag steigen wir in den Bus und fahren 5 Minuten hinunter nach Bain-de-l’Étivaz. Neben dem alten Schwefelbad, welches wir dann mal separat erkunden möchten, steigt der Wanderweg steil hinauf. Bemerkenswert ist, dass er hier, kommt man von oben her, endet. Einach so. Entweder geht man in das B&B-Bad-Hotel oder man steigt in den Bus. Oder man läuft todesmutig der Strasse entlang. Ich lasse mich eincremen und ernte als Dank ein paar Walderdbeeren, welche mir mein Goldbär aus der Hand knabbert. Mit diesem Zuckershot steigen wir die 400 Höhenmeter problemlos auf. Erst durch den Wald, über Kuhweiden (die Tiere sind äusserst nett, obwohl die Kälber auch da sind; sie sind vor allem mit den Fliegen beschäftigt) und durch sumpfige Hänge, auf denen die Orchideen um die Wette wachsen, zu Tausenden! Es sind das Breitblättrige und das Gefleckte Knabenkraut, die hier überall anzutreffen sind: Auf Trocken- und Fettwiesen genauso wie in Sümpfen. Um einen Brunnen herum, der von Kuhweiden umsäumt ist und der Boden vor Nitraten nur so trieft, finden wir sie ebenfalls, neben Dutzenden von Alpenfettkräutern, welche normalerweise nur in nährstoffarmen Böden gedeihen. Und noch etwas: Seit unsere Nachbarin Irma uns unter anderen Pflanzen auch ein Mädesüss aus ihrem Garten in unseren gepflanzt hat, ist es schon fast unheimlich, wie wir diese Pflanze nun allüberall sehen. Hier oben gibt es ganze Weiden davon. Die sind ganz in weiss, so viele hat es. Und vorher haben wir über 50 Jahre lang nicht die Bohne geahnt, dass es sie überhaupt gibt. Sachen gibts!
Wir kommen westlich am Corne des Brenlaires, einem Hausberg, vorbei und werden von einer Leitkuh überholt, welche wir nun eskortieren, während ihre Entourage hinter uns hertrottet. Bis zu ihrer Alp.

Wir kommen auf eine Hochebene mit diversen Alphütten. Überall davor sind Autos parkiert (es ist Sonntag!) und vier riesige Tipis prägen die Landschaft. Hier verbringen wohl ausgebrannte Städter und Familien, die mal „was Anderes“ erleben wollen, das Wochenende und kommen „als andere Menschen“ wieder aus diesem Abenteuer hinaus. Eine schmale Strasse führt uns zur Alp Les Brenlaires. Von hier bezog vor 20 Jahren Martins Tante Marlies jeweils Käse, der ihr wohl besonders mundete und den sie sich sogar schicken liess. Wir treffen tatsächlich die momentan angestellte, sympathische Hoffamilie an, welche sich gerade mit dem Auto aus dem Staub machen will und uns doch noch kurz Auskunft gibt: Sie wissen es nicht, wie, wann und was geschah, nur dass die jetzigen Besitzer Brand heissen.
Der Abstieg nach Les Mosses gestaltet sich abwechslungsreich. Hier haben sich wieder einmal Förster kreativ ausgetobt und Baumstrünken neue Gesichter geschnitzt. Etwas, was man in meiner Kindheit nicht gesehen hat.
Die grosse Hauptstrasse durch den Ort ist gesäumt von Dutzenden von Flohmarktständen (Marché des Puces). Eine Käse- & Rüebliraffel finden wir prompt. Im Restaurant Relais Alpin gönnen wir uns je eine Hälfte unvergesslichen Heidelbeer- und Pflaumenkuchen mit unvergesslich süssem Guss. So haben wir noch Energie, zuerst durch das Ried und dann an der Westflanke des Tals am Waldrand entlang nach Hause zu wandern. Es gibt im Tal unten keinen Wanderweg, welchen die beiden Orte verbindet. Es wird wohl wieder an der Gemeindegrenze liegen, wie wir ja schon des Öfteren feststellten.
Im Dorf ist grosses Polizeiaufgebot: Lärmkontrolle. Hier dröhnen ja gerne viele mit ihren Motorrädern und getunten Karren umher. Das Volk schaut zu. Unter ihnen Herr Combrement. Ihn kennen wir, weil er alles, was mit Maschinen zu tun hat, vertreibt und Service macht. Beim doch ansehnlichen Gerätepark der Schwiegereltern eine Adresse, die man sich gut merken kann und soll. Er erkennt uns sofort und wir plaudern noch etwas. Er steht mit Frau Knurrimurri zusammen. Diese macht doch tatsächlich etwas den Knopf auf und sagt auch ab und zu etwas. Sogar einen Hauch eines Lächelns glauben wir über ihr Gesicht huschen zu sehen. Wir hoffen, dass Herr Combrement sie nun aufklärt, wer wir sind, und wir so etwas in ihrer Achtung steigen. Immerhin mäht ihr Mann unsere Wiese. Manchmal.
Im Nachbarhaus ist Moritz gerade eingetroffen, ein junger ETH-Doktorand und Sohn der Besitzer dieses Chalets, welche die Schwiegereltern natürlich auch kennen und wir seit letztem Herbst auch.
Eine Dusche im Garten rundet den gelungenen Ausflug ab.

La Douve und Étivaz (Foto: Martin Heimgartner)
Der kleine Goldbär (Foto: Martin Heimgartner)
Liebe geht durch den Kuhmagen
Alpenfettkraut in fettem Boden
Le Soere (Foto: Martin Heimgartner)
Hinter der Leitkuh
Leysin und La Berneuse im Westen
Pra Cornet (Foto: Martin Heimgartner)
Mürrische Bartlis
Die alte Talstation der Seilbahn zum Pic Chaussy, welche 1987 eingestellt wurde
Mädesüss Yin Yang (Foto: Martin Heimgartner)