
Freitag. Wir treffen uns am Bahnhof Stammheim mit Peter und Luisa, ein seit Langem mit Martin befreundetes Paar. Sie sahen sich um die 10 Jahre nicht mehr, um so grösser ist die Freude, als sie mit kleiner Verspätung mit dem Auto um die Ecke kommen. Der Park-Automat ist tot, die Telefonnummer darauf aus dem letzten Jahrtausend, und der Hersteller, den ich kontaktiere, mag sich nur vage erinnern, dass seine Firma früher mal solche Apparate herstellte und mit dem Betreiben dieser nichts zu tun habe. Wir lassen es und laufen los, durch das altertümliche Dorf, welches rundum sorgfältig instand gehalten wird. Überall blühen die Gärten in den saftigsten Farben, das Wetter ist perfekt, der Himmel mit ein paar Dekowölkchen verziert.
„Wollt ihr Kirschen?“ hören wir nach kaum 10 Minuten eine Frau gesetzten Alters zu uns sagen. Sie trägt ein Körbchen frisch gepflückter Köstlichkeiten und bietet sie uns an. Was für ein netter Empfang! Mit diesem kleinen Zuckerschub wandeln wir nun durch die Rebberge und wundern uns darüber, warum wohl jede zweite Reihe gemäht und leicht umgegraben ist. Unterhalb des Weges patroulliert gerade eine Frau um die dreissig und rückt die frischen Rebtriebe zurecht. Wir riechen an den Rosen, die am Anfang jeder Reihe blühen. Auf den oberen Rebberg angesprochen meint sie etwas mitleidig, „der macht eben Bioanbau“, und es werde abwechselnd gemulcht. Das freut uns natürlich sehr. Vor allem haben wir das in dieser SVP-Hochburg nicht erwartet.
Wir kommen runter nach Oberstammheim, vorbei an einem wunderschönen Naturgarten. Darin blühen etwa ein Dutzend Muskatellersalbei, welche auch wir letztes Jahr ansäten und heuer ihre Blütenstände entfalten. Mehrere Holzbienen laben sich genussvoll an den grossen Lippenblüten. Uns tanzt das Herz vor Freude, als eine ältere Frau im Garten unser gewahrt und mit uns ins Gespräch kommt. Wieder eine äusserst nette Begegnung und ein interessanter Austausch unter Hobbygärtnern.
Keine fünf Minuten weiter, auf einer kleinen Anhöhe, thront die bescheidene Galluskapelle mit ihren wertvollen Fresken aus dem 14. Jahrhundert. Peter ist als Pfarrer und mein Martin als Historiker natürlich interessiert und so gehen wir nach drinnen die alten Wandgemälde anschauen.
Bereits am nächsten Haus begrüssen uns zwei ziemliche Brummer von Katzen. Sie zieren sich etwas. Als die Besitzerin, eine behäbige Frau im Pensionsalter, aus dem Haus kommt, klärt sie uns auf, dass „die Büsis“ eben wegen den Hunden vorsichtig seien, die oft hier auf dem Wanderweg vorbeikommen. Als sie unsere Katzenliebelei gewahrt, meint sie, wir sollen kurz warten, geht ins Haus und zeigt uns dann einen weiteren Brummer, welchen sie auf dem Arm kaum tragen kann. „Eine English Short Hair“ sei es. Da ich Katzenallergiker bin, nehme ich mich zurück und überlasse das Schmusen Luisa. Nach dieser 4. freundlichen Begegnung fragen wir uns langsam, ob wohl das Tourismusbüro dahintersteckt, welches, einem Freilufttheater gleich, diese Szenen inszeniert.
Dann kommen wir an Getreidefeldern vorbei, die wir so noch nie gesehen haben. Biolandwirtschaft, so weit das Auge reicht, ein Feuerwerk von Farben und Formen. Auch Luisa, welche auf einem Bauernhof aufgewachsen ist, hat das so noch nicht gesehen. Punkt zwölf Uhr sind wir am Hof und getrauen uns kaum, aufgefordert durch die Hofladen-Tafel, an der Glocke zu rütteln. Prompt öffnet uns wieder eine äusserst freundliche, junge Bauersfrau und meint, leider sei das Dinkelmehl gestern für den Verkauf ausgegangen, welches Martin für die Focaccia verwenden wollte. Wir bestaunen die beiden gigantischen Rosmarinsträucher neben der Treppe und wandern weiter.
Vor einem goldgelben Weizenfeld rezitiert Martin Gottfried Kellers „Sommernacht„, welches perfekt ins Setting passt.
Neben dem ersten Hof in Nussbaumen blüht schon wieder ein riesiger Muskatellersalbei. Die jüngere, füllige Bäuerin, in Begleitung ihrer Mutter, versichert sich erst bange 24 Sekunden lang, dass ihr Hund uns nicht in Stücke zerreisst und wird dann so freundlich, wie sie wohl nur sein kann. „Was, wie heisst das, Muskatellersalbei? Ja ich setzte alles hierhin, was im Garten wuchert und ich nicht brauchen kann. Jaja, die Holzbienen haben es gern.“ Wir staunen.
Im Restaurant Löwen essen wir Gemüsewähe mit Salat. Es ist schattig unter dem Kastanienbaum, und windig. So windig, dass wir die Windjacken anziehen müssen und danach auf das Mäuerchen im Süden sitzen, als die Sonne dieses endlich knapp zu bescheinen beginnt. Mit dem Nachschlag sind wir dann ziemlich gesättigt und machen uns auf den Weg zum „Nussbommersee„. Wieder kommen wir an schon fast psychedelisch wirkenden Feldern vorbei und biegen dann ab zum See. Nach mystisch wirkenden Wurzelgebilden, die mangrovenhaft aus dem Sumpf ragen (es sind Erlen, wie Peter bemerkt) und einem Abstecher auf einen kleinen Beobachtumsturm, lassen wir uns beim 2. Badeplatz nieder und ziehen eine Baderunde im kühlenden Nass um das doppelstöckige, verankerte Floss, welches auch ein Sprungturm ist. Peter entpuppt sich als geübter Schwimmer und Taucher und erzählt von seinen Tätigkeiten diesbezüglich, während sich Luisa ein Sonnenbad gönnt.
Wir umrunden denn See noch ganz, kommen am 3. Badeplatz vorbei, passieren dann doch noch „konventionelle Landwirtschaft“, wo wir an einer offenbar mit Pestiziden zu besprühen vergessenen Ecke eines Kartoffelfeldes haufenweise leuchtend rote Kartoffelkäfer bestaunen und gehen wieder zurück ins Dorf. Hier gibt es das „Gwächshuskafi„, eine Rosengärtnerei, die am Freitag auch ein Restaurant ist mit köstlichen Kuchen, Kaffee, Tees, Sirup und Limonaden in einer Oase des Friedens, des Geborgenseins und der Genüsse. 100% Natur, 100% Bio, 100% Leidenschaft, oder so ähnlich steht auf einem grossen Plakat. Nach einer Schnupperrunde durch die Rosenzucht wandern wir übers Land zurück nach Oberstammheim, wo wir die eindrückliche, alte Architektur bestaunen, z.B. vom Restaurant Hirschen. Und dann entdecke ich, direkt an der Dorfstrasse vor einem dieser Häuser, die grössten Muskatellersalbei des Tages, mit vielen Holzbienen, welche schon fast trunken umhergondeln zwischen den Blüten und nie satt werden. Wie schön!
Zurück beim Bahnhof gibt es eine herzliche Verabschiedung und unsere Wege trennen sich, nachdem wir erleichtert feststellen, dass nirgends ein Bussenzettel zu finden ist. Was für schöne und eindrückliche Erinnerungen uns nun bleiben, vielen herzlichen Dank!















»Nussbaumersee« und »Nussbommersee«: Vor etlichen Jahren beschloss der Kanton Thurgau, Flurnamen auf den Landeskarten in Dialekt anzuschreiben. Das ergab dann ein riesiges Durcheinander, wenn die Leute etwa einen Brand in einem Weiler mit dem Namen in Hochsprache meldeten und der Feuerwehrkommandant den Weiler auf der neuen Dialektkarte nicht fand. Schliesslich mussten extreme Formen (etwa »Roopel« statt »Rotbüel«) wieder rückgängig gemacht werden, weil das Chaos zu gross war.
Vgl. dazu:
http://lokalnamen.ch/bilder/20090902.pdf
und:
https://giswiki.hsr.ch/Geschichte_Schreibweise_der_Thurgauer_Lokalnamen#Geschichte_der_Schreibweise_der_Thurgauer_Lokalnamen
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