Dienstag. Tag 2 unserer 1. Sommerferien. Martin hat schon wieder eine schöne Idee: Von Balzers (Ausland!!) über die St. Luzisteig nach Malans. Im Hiltl „Sihlpost“ bei HB Zürich möchten wir noch Kaffe trinken und ein Guezli verspeisen. Elinor, die aufgeweckte, zierliche und über und über tätowierte Chefin kennen wir ja bereits bestens von ihrer Zeit beim Hiltl an der Langstrasse. Sie lädt uns prompt zu unserem kleinen Zwischenschmaus ein, die Gute!
Da wir erst um 10:07 losfahren, kommen wir pünktlich zum Zmittag in Balzers an. Die Recherchen im Netz, welche Beiz nun offen hat oder nicht, sind nicht immer ganz eindeutig. Aber die Pizzeria „La Perla“ mit ihrem lauschigen Garten, welcher von einer grossen Platane überdacht und mit einem kunstvollen Geflecht einer Kletterpflanze ringsum uns vor dem Föhnsturm schützt, gefällt uns sehr gut und macht ihrem Namen alle Ehre. Die Pizza „Leccese“ mit Tomaten, Mozzarella, Spinat, Ei und Oregano schmeckt hervorragend.
So gestärkt machen wir uns auf die Socken. Als erstes an der opulenten Kirche St. Nikolaus vorbei und hinauf zur Burg Gutenberg. Von hier sehen wir nun hinter den Berg mit dem schrägen Hochspannungsmasten, der normalerweise verdeckt ist, wenn man mit dem Zug Richtung Chur fährt und bei Sargans nach links schaut: Die St. Luzisteig.







Es geht durch eine riedähnliche Landschaft, an der Grenze Liechtenstein – Schweiz entlang. Der Blick zurück zeigt den Alvier, den wir im 2018 zusammen erklommen. Balzers wird kleiner und noch kleiner, bis es verschwindet. Es wird mehr und mehr militärisch, bis wir mitten durch Übungsgelände wandeln mit kubischen, bauhausähnllichen Corbusier-Betonbauten, welche von Einschusslöchern nur so triefen, über einen schrägen Burggraben und ein kleines Tor, wo der ganze Passverkehr aus Militärfahrzeugen, Personenautos, E-Bikes und Wanderern sich hindurchzwängt, hinein in den „Eidgenössischen Waffenplatz“, die Festung St. Luzisteig. Hier, offenbar als Kantine für die Soldaten, befindet sich, von weither gut sichtbar, das Restaurant „Panorama“, in dessen verspiegelter Glasfront sich der Alvier spiegelt. Ziemlich surreal.







Etwas weiter, am Ende des kleinen Hochplateaus, kommen wir zum Landgasthof St. Luzisteig. Er hat Wirtesonntag. Dafür gibts eine Kapelle und ein Militärmuseum (auch geschlossen). Mir ist schwindelig. Wahrscheinlich von der schwülen Hitze beim Aufstieg und dem Föhnsturm. Der Brunnen führt gutes Wasser und hilft. Also geht es weiter, Richtung Restaurant Heidihof. Was so unschuldig klingt, ist die gnadenlose Monetarisierung Johanna Spyris Geschichte über das gleichnamige Mädchen. Doch der Coupe Dänemark und der Kaffee ist spitze, das muss man neidlos zugeben, auch wenn die Schokolade nicht in einem separaten Kännchen serviert wird.
Wir werden ungefragt Zeugen der Weisheiten aus der Richtung eines Tisches hinter uns mit fünf grauen Eminenzen. Der Häuptling palavert lauthals und so, dass es alle hören, irgendwas von Israelischer Klappe am Tiger-Flugzeug, wobei das Wort „Israelis“ gefühlte 20 Mal fällt. Dann kommt Wuhan und die Chinesen dran, die an allem Schuld sind, und Corona, und die Mondlandung, die nicht statt fand und überhaupt bla bla bla. Wir klinken uns aus und sind entsetzt, dass die dumbe, eindimensionale Uninformiertheit nicht nur die jüngenere Generation durchseucht hat, sondern in allen Altersschichten dahinwuchert. Dies erinnert uns an die geschminkten Tussies vom Tele Züri, die in den Kurz-Interviews ihre groteske Dummheit in die Kamera blöken. Von wegen Zweiklassengesellschaft, weil sie sich testen lassen müssen, bevor sie in den Club reingelassen werden. Die Zweiklassengesellschaft, die der Neoliberalismus hervorgebracht hat, mit den Billiglohnarbeitern in Billiglohnländern möglichst weit weg, welche die Billigkleidchen für die jungen Damen schneidern, ist ihnen völlig wurscht. Sie scheuen auch nicht zurück, sich gleichzeitig aus Plastikbechern irgendwelche zuckrigen, gefärbten Plörren in sich reinzusaugen, während sie den Impfungen nicht trauen, weil sie doch so schnell entwickelt wurden, dass das nicht sein kann, und überhaupt, trauen sie 85% der Ärzte nicht. Sich aber in eine toxische, potentiell hormonaktive Parfümwolke hüllen, ist kein Problem. Es geht nur um ihren eigenen, persönlichen Egoismus, den sie wie ein Menschenrecht vor sich hertragen.
Angewidert wenden wir uns ab und Schönem zu. Doch was danach folgt, erschlägt unsere Sinne vollends: Das Heididorf, THE ORIGINAL! Was für eine peinliche Zusammenstellung von Mär und Natur, von Fakebauten und Kommerzialisierung. Ich dachte bisher, das Heidiland sei auf die Autobahnraststätte unten im Tal beschränkt. Hier werden die Zwergziegen zum Streicheln wie auf einer Schublade, eingelassen in ein Häuschen, auf Augenhöge platziert, so dass man seine Kinder hinaufheben und von den Tieren ablecken lassen kann. Es gibt ein Rathaus, Heidis Alphütte, das Heidihaus, den Dorfladen mit Ticket Shop etc. Hier soll dem zahlungskräftigen Touristen eine Geschichte als wahr verkauft werden. Eine rührende Geschichte zwar, aber eine, die letztendlich eine eher alberne Abrechnung und Verhöhnung der modernen Medizin sein soll. Eine, die vorgibt, man müsse nur auf die „natürliche“ (überdüngte!) Alp in die Ferien gehen, und schon sei man, oh Wunder, von Kinderlähmung geheilt und könne den Rollstuhl über die Felsen werfen, hurraaa! Meine Güte, was für eine verklärte Heimat-Schnulze, aber seis drum, ich schweife ab.








Wir flüchten weiter Richtung Osten, durch die Weinberge, wo man hervorragenden Biowein anbauen kann, weil es wenig Nebel hat (kein Schimmelbefall) und dank Föhn warm wie im Süden ist. Es ist Henri Duc De Rohan, der die Burgunder-Rebe um 1600 hierher gebracht hat. Sein Denkmal steht in Jenins.
Wir gehen noch kurz die Seilbahn-Talstation Älplibahn in Malans anschauen. Je zwei mechanisch gekoppelte Vierergondeln gondeln hier auf und ab. Jööh!
Am Bahnhof Malans wartet eine gruselige Schar auf den Zug. Zum Glück ist es nur Kunst aus Holz. Und wir steigen eh auf den Bus nach Maienfeld, und dann über Sargans nach Walenstadt, wo wir uns noch ein kurzes Bad im kalten Walensee gönnen. Danach essen wir im Seerestaurant „Seehof„ einen feinen Gemüseteller mit Spiegelei.
Erst als wir gemütlich im Zug sitzen, fängt es draussen an zu strätzen, so dass es den Dosto hin und herschüttelt. Doch wir wissen, das hat nichts mit dem Unwetter zu tun, und das Software-Update ist in diesem Zug wohl noch nicht installiert…




Ich habe die Heidigeschichte als Kind heiss geliebt. Habe sie mehrmals gelesen. Ich verstehe auch, dass ein Bergdorf mit der Geschichte etwas zu verdienen versucht. Die Frage ist nur wie. Gefreut hat mich aber die Ablehnung des neuen Projekts Heidi am Flumserberg!
Hier in der Bretagne
sind „Sir Lancelot und die Artus Romane“ oder „Asterix und Obelix“ die Kassenschlager…
Ich weiss, wie das Heidi nerven kann. 1958 in USA wurde ich oft auf diese Figur angesprochen… da ich diese Story – trotz Schweizer Ursprungs – nie gelesen* hatte, sagte ich jeweils, sie sei so Repräsentativ für die Schweiz, wie die Gangsterfilme aus Hollywood, für Amerika. Da war dann meist Ruhe.
*[Ich musste eher die vielen Bände (Jahrbücher) des DEUTSCHEN UNIVERSUM lesen (ab 1880), die bei der Pestalozzi-Bibliothek für 5 Rappen ausgeliehen wurden].