Samstag. Nach den gestrigen Anstrengungen schlafen wir neun Stunden und erwachen erholt kurz vor Sonnenaufgang. Wie mit einem Schalter gesteuert wird es auf einmal hell im Chalet. Einfeuern, kurz Mails und News checken. Um 11:20 hüpfen wir in das mit einer einzigen Fahrgästin besetzte Postauto. Sie hat die Kopfhörer auf und lauscht Gabber. Nicht mein Musikstil, und schon gar nicht Martins. In Les Mosses steigen wir alle aus und warten auf den Anschlussbus. Es gibt einen riesigen, langgezogenen Parkplatz entlang der Hauptstrasse. Im Winter ist es hier in der Regel brechend voll. Im Sommer herrscht hier meistens gähnende Leere. Heute ist es recht voll, das Volk verteilt sich auf der grossen Ebene und spaziert hier oben an der Sonne umher.
Plötzlich taucht vor uns eine Gestalt in einem orange-rot-beige gescheckten Gewand auf, das aussieht wie eine Mischung aus Schlafsack und Pyjama. Auf dem Kopf trägt sie so etwas wie einen weissen Turban aus Mumien-Bandagen. Es entpuppt sich als ein Goa-Bübchen von etwa 20 Lenzen, also ein junges Bürschchen, das wohl gerade von einer Goa-Party kommt. Wo auch immer eine solche momentan stattfindet. Es zündet sich einen riesigen Joint an und quatscht unentwegt vor sich hin. Der Wortschwall kommt erwartungsgemäss in unsere Richtung und es fragt halb zum Fahrplan, halb zu uns gewandt, wann der nächste Bus fährt. Wir geben bereitwillig Auskunft. Als das geklärt ist, bekommen wir ein Kompliment für unsere Bärte („Ah, jolie barbe…“). Er selbst trägt auch einen, der zwar auch schon 10 cm lang aber noch etwas schütter daher kommt. Nun denn, wir flüchten vor weiteren Diskussionen Richtung Campingplatz, welcher mit seinen in Reih und Glied stehenden, festgefahrenen Wohnwagen und selbst gebastelten Vorbauten einem Slum zum Verwechseln ähnlich sieht. Wir sehen uns das mit leichtem Schaudern an und schlendern dann wieder zur Bushaltestelle zurück. Natürlich quatscht uns das Goa-Bübchen wieder an und fragt „Est-çe que vous êtes des armaillis?“. Martin verneint und klärt mich später auf: Armaillis ist ein Freiburger Dialektwort für „Senn“ oder „Hirte“. Es kommt im offenbar berühmten Lied „Ranz des vaches“ vor und rührt die Freiburger und Wadtänder immer wieder zu Tränen. Zumindest diejenigen, die 1977 dabei waren, als Bernard Romanens dieses am Fête des vignerons zum Besten gab. Der Bus kommt, und das Goa-Bübchen lässt uns zuerst einsteigen, um dann prompt neben uns Platz zu nehmen. Es zieht die Maske runter und schlürft an seinem Süssgetränk, wobei es konstant vor sich hinbrabbelt wie ein alter, verwirrter Mann. Wir halten durch und steigen fünf Minuten später in La Comballaz „Gare Principale“ aus, wie Martin scherzhaft bemerkt, was das Goa-Bübchen mit „Hauptbahnhof“ (auf Deutsch!) quittiert. Es ist, obwohl ziemlich „verstrahlt“ (Jugendsprache für „mit Drogen vollgepumpt“), äusserst aufmerksam und bekommt durchaus mit, was um es herum passiert.
Kaum laufen wir los und biegen erst falsch ab, spricht uns eine Frau an, die aussieht, als wäre sie gerade aufgestanden und hätte noch einen Riesenkater. Ich habe zwar inzwischen gecheckt, wo es lang geht, doch wir lassen die Erklärungen in heiserer Stimme wohlwollend über uns ergehen. Wir haben das Gefühl, sie sei etwas einsam und mitteilungsbedürftig.
So, dann gehts endlich los. Als Erstes sehen wir eine kleine Herde schwarz-weiss gescheckter Waldkühe. Wir steigen auf einem gedrungenen Weglein empor Richtung Col de la Pierre du Moëllé. Dort mussten wir schon einmal umkehren, weil das Militär rumballerte und es gesperrt war. Im Tal gegenüber fackelt mal wieder einer irgendwas ab, so dass die ganze Gegend mit Rauch geflutet wird. Dank der Inversionslage senkt sich die gasförmige Brühe nach unten und bleibt, wo sie ist.
Auf dem Pässchen herrscht reger Verkehr: Autos überall parkiert, Velofahrer rauf und runter, und natürlich auch Wandervögel in allen Farben. Das Restaurant ist, natürlich, zu. Am sonnenbeschienenen Hang machen wir es uns bequem, essen Zmittag und sinnieren über den Menschen, seine Genetik und die Seuche.

Waldkühe
Abfackeln und Einräuchern; Le Chamossaire (r)
Blick von unserem Zmittagplätzchen, Dents du Midi (r)

Dann gehts weiter um den Mont d’Or, über den Zauberwald und über Hochmoore. Hier schlemmten wir letztes Jahr die überall wuchernden Heidelbeeren. Leider finden wir keine Beeren mehr, nicht mal Spätlese. Auch die Lärchen sind leer und leider schon vorüber mit ihrer Farbenpracht. Immerhin laufen wir oft weich auf ihren gefallenen, broncefarbenen Nadeln.
Auf der grossen Lichtung nehmen wir Kaffee und Guezlis in Ziegenform. Gefallene, nackte Baumskelette dienen uns als Sitzgelegenheit und als Foto-Stativ. Die Sonne scheint fast horizontal und taucht die ganze Gegend in magisches, goldenes Licht.

Zauberwald
Zauberwald
Lac de l’Hongrin Staumauer und Steinbruch
Lärchen, nicht mehr so goldig
Baumstammskelette
Goldbären im Goldlicht

Der Abstieg ist etwas schattig, aber das haben wir gewusst und im Voraus berechnet. Die App und die Website von PeakFinder leisten dazu wertvolle Dienste. Zum Teil ist der Boden bereits gefroren, was uns das Waten durch Matsch erspart.
Um vier Uhr sind wir zurück und kuscheln uns im sonnenerwärmten Chalet ein.
Die COVID-Zahlen sind fast weltweit wieder besorgniserregend, und ich mache mir Gedanken für meinen nächsten Blogeintrag ausschliesslich zu diesem Thema.