Alpabzug – Désalpe de l’Étivaz (Foto: Martin Heimgartner)

Samstag, 30. September
Heute kommen sie alle runter. Alle? Naja, fast. Aber viele. Sehr viele. Hunderte! Die Sömmerung der Kühe ist vorbei und heute trotten sie nun also die ganze Passstrasse des Col de Mosses nach L’Étivaz hinunter, wo ein grosses Volksfest abgehalten und die Tiere und Familien geehrt werden. Die Kühe gehen dann weiter Richtung Château d ‚Œx durch die Schlucht. Es gibt sogar eine eigene Webseite und einen Zeitplan, wann welche Herde vorbeikommt! Wir beschliessen, mit dem Bus, welcher fahrplanmässig fährt, zum Fest zu fahren. Und tatsächlich: Er kommt. Bumsvoll. Es fahren auch Shuttlebusse, doch die sind ebenfalls randvoll, und warten tun viermal so viele Leute. Und das im verschlafenen La Lécherette! Wir quetschen uns also noch in den Linienbus und haben zuvorderst stehend super Aussicht auf die Strasse. Es lohnt sich! Denn wir überholen die Herde der Familie Rosat, wie wir später erfahren, welche mit viel Personalaufwand die Viecher auf der rechten Fahrspur zu halten vermögen. An ihren drei Alpen auf drei verschiedenen Höhen Richtung Heidelbeerland sind wir schon etliche Male vorbeigekommen. Die Söhne sind auch die Holzfäller, welche Martin und meine Schwiegereltern auch schon mal buchten und deswegen kennen.

In L’Étivaz angekommen, will ein Verkehrsbübchen erst den Linienbus nicht durchs Dorf lassen, was ihm der Chauffeur leise, aber deutlich ausredet. Wir werden dann mitten auf der Strasse rausgelassen, weil die Bushaltestelle fürs Fest abgesperrt ist, eingezäunt, als wären wir die defilierenden Kühe. Das Volk hängt bereits an den Abschrankungen, und wir fühlen uns geehrt. Wir finden eine Lücke im Zaun und mischen uns unters Volk. Und das ist um halb elf bereits zahlreich vorhanden! Jede Herde wird mit Familiennamen lautstark über Lautsprecher angekündigt, und das Volk applaudiert über dem tosenden, ohrenbetäubenden Glockengeläut. Die Kühe sind wohl eh schon alle taub. Und die Schellenurslis & -ursinas / Trychler & -innen, die es offenbar auch in „normal-konservativ“ und weiblich fortschrittlich gibt, dröhnen immer mal wieder zwischendurch um die Wette, bilden Ringe und Reigen, schwingen ihre Glocken und geben ein durchaus ansehnliches Bild ab. Es ist der „Club des Sonneurs“. Die Stimmung ist durchwegs friedlich.

Es gibt Dutzende von Ständen, und einige kennen wir sogar. Z.B. den Bio-Käseladen von Les Moulins. Die Verkäuferin erkennt uns wieder, und wir tauschen ein paar nette Worte aus. Daneben gibt es Fleischwaren in Demeter-Qualität. Wir entscheiden uns erst mal für eine Soupe de légumes mit Brot vom Early Beck. Lecker. Eine sympathische junge Frau hält 10 verschiedene Honigbrote feil. Wir nehmen je ein Stück Zimt-Kardamon und Edelkastanie-Zimt. Die 2 cm dünnen Scheiben sind schwer wie Gold und kosten auch fast so viel. Aber nach drei bis vier Bissen ist man satt. Kunststück: Sie bestehen auch aus 60% Honig! Am Edelweiss-Stand bekommt man sogar Edelweiss-Unterwäsche. Und der Hof Le Berceau verkauft seine feinen, leider nicht bio, Glacés. 8 Alphornbläser halten ein Ständchen. Das ist schwieriger, als man denkt! Der grosse Käsekeller AOP ist geöffnet, und wir ergreifen die Gelegenheit, in die riesige Reifehalle zu blicken. In Holzkabäuschen kann man sich eine VR-Brille aufsetzen und man sieht einen 3D-Film über eine Alp und wie der Käse im Kupferkessi gemacht wird. Toll! Eine kleine mobile Schaukäserei steht auch vor dem Gebäude. Frau und Herr Chnurrimurri sind auch präsent. Sie haben einen Hag gespannt, die 2 Gänse mitgebracht und vier ganz liebe Ziegen (wahrscheinlich nicht ihre!), welche sich streicheln lassen. Den Stinkbock konnten sie wohl beim besten Willen den Leuten nicht zumuten, und so musste er zu Hause bleiben. Madame ist sogar im OK, wie uns gestern die nette Buschauffeuse verraten hat, welche uns seit diesem Sommer ins Herz geschlossen hat und neuerdings nachfragt, wo wir gewesen seien, wenn wir mit ihr fahren.

Dann sind wir übersättigt und gehen zuerst dem Flüsschen entlang zur Abzweigung und dann steil hinauf zum Contour de la Borne, wo wir in die Hauptstrasse einmünden und den Töff- & Oldtimer-Lärm geniessen dürfen. Das Gute: Die ganze Jauche der Kühe auf der Passstrasse haben sie inzwischen in eine dünne, beige Patina verpresst.

Club des Sonneurs
Wer hat die Schönste?
Ordnung muss sein. (Foto: Martin Heimgartner)
Und jetzt alle synchron!
Familie Rosat.
Den Ton zu treffen ist gar nicht so einfach!
Soupe de légumes im Kupferkessi
Käse herstellen, ebenfalls im Kupferkessi
Holz und Virtual Reality
Der unendliche Reifekeller: Mal stehen sie vertikal…
…mal horizontal.
Stimmung
Stimmung
Stimmung
Stimmung (Foto: Martin Heimgartner)
Schwinger Collection von Edelweiss 🙂
Ob der Mond heute wieder so schön scheint?