Donnerstag. Wieder ist es nur ein einziger Tag, der für eine Tour in dieser Woche in Frage kommt. Um 5:55 holt uns die vertraute Melodie, gespielt auf einem Hang, sanft aus dem Schlaf. Die Sonne zaubert leuchtende Strahlenfächer durch die Wolken. Immer wieder sehen wir sie auf der Fahrt ins Glarnerland. Zwei Frauen hinter uns unterhalten sich ebenfalls darüber: „Schau mal, die Sonne zieht wieder mal viel Wasser!“ Ich bin immer wieder verblüfft, welch infantiles Wissen bzw. Nichtwissen über die physikalischen Phänomene in der Bevölkerung herrscht. Martin meint, den Ausdruck „die Sonne zieht Wasser“ habe er schon gehört und dieser wäre früher oft verwendet worden.
In Schwanden nehmen wir den Ersatzbus nach Kies zur Talstation der Garichti-Bahn. Eine Gruppe mit besonderen Bedürfnissen füllt den Bus bereits zur Hälfte, inklusive zwei Rollstühlen. Wir nehmen zu vorderst Platz, denn einer der Gruppe schreit im 15-Sekundentakt, dass es uns die Nackenhaare sträubt. Solche Geräusche lösen in mir sogar synästhetische Effekte aus. In diesem Fall sehe ich vor dem inneren Auge einen braunen, zackigen, frei schwebenden Erdhaufen, der sich mit jedem Schrei aufbläht und einen bitteren Geschmack auf der Zunge erzeugt. Der Bus kriecht im Schneckentempo die viel zu enge, geschwungene Strasse hinauf, während der Chauffeur mit nur einer Hand das Steuer führt und mit der anderen das Mikrofon hält (was völlig unnötig ist) und uns über die topologischen und siedlungstechnischen Eigenheiten der Gegend mit Informationen überhäuft.
Schnell steigen wir in Kies aus und sind tatsächlich die ersten in der Seilbahn, die sich natürlich schnell füllt, aber auch zeitnah abfährt. Oben in Mettmen beim Garichtisee angekommen gehen wir schnurstracks auf die Terrasse des Hotels Mettmen, wo wir äusserst freundlich bedient werden. Die junge, berndeutsch sprechende Dame frisst uns fast mit den Augen auf und gibt uns das Gefühl, wir bekämen alles von ihr. Das ist doch auch mal eine schöne Abwechslung…

„Die Sonne zieht viel Wasser“
Blick von der Bergstation Mettmen hinab ins Glarnerland

Der Garichtisee ist platschvoll. An den Bergspitzen tummeln sich Restwolken, die sich jedoch, anders wie prognostiziert, nicht verziehen werden. Das Glärnischmassiv wird nur sporadisch und partiell für den Blick freigegeben. Trotzdem sind es eindrückliche Bilder, die wir da präsentiert bekommen. Wir stärken uns mit einer Brezel und etwas Pfefferminztee und steigen grossen Schrittes hinauf zur ersten Etappe: Die Chärpfbrugg. Das ist ein natürlicher Tunnel, den sich der Fluss durch die Glarner Hauptüberschiebung gebahnt hat. Man kann ihn durchschreiten, und dieses Mal gibt es sogar einen Film davon!

Garichtisee
Garichtisee mit Blick auf die wolkenverhangenen Glarner Alpen
Neuer Aussichtsturm, Garichtisee
Ein junger Steinbock versperrt uns den Weg
Chärpfbrugg von oben
Durchschreitung der Chärpfbrugg

Nach diesem Naturspektakel fliegen wir förmlich die 800 Höhenmeter den Wanderweg hinauf, Richtung Leglerhütte. Da sich die Sonne hinter den Wolken versteckt, erledigen wir das in Rekordzeit. Vorbei an plätschernden Bächlein, blühenden Alpenrosen, ruhig daliegenden Seelein, kleinen Resten eines Schneefeldes und dieser eindrücklichen Mischung aus grünem und rotem Schieferstein, erblicken wir die Leglerhütte, welche von Nebel umgeben ist. Unsere Hoffnung, dieser möge sich auflösen, geben wir nicht auf. Zwischendurch bricht sogar mal ein Sonnenstrahl durch und wärmt unsere Haut und unser Gemüt, während wir zweierlei Gnocchi mit Käse auf der inzwischen vollen Terrasse verspeisen. Der Nebel löst sich nicht auf. Leider.

Frischwasser (Foto. Martin Heimgartner)
Die Brücke ächzt unter dem Gewicht (Foto. Martin Heimgartner)
Sie ächzt unter ihrem eigenen Gewicht
Aufstieg durch Alpenrosen
Ruhiges Seelein
Zwischendurch lugt der Glärnisch hervor
Über ein Schneefeld
Roter und grüner Schiefer
Die Leglerhütte
Keine Aussicht auf dem Aussichtsbänkli

Wir brechen auf: 2’000 Höhenmeter erwarten uns. Es gäbe einen „sanften Abstieg“, meinte Martin bei den Recherchen. Ja, auf der Karte sieht das tatsächlich so aus. Aber die Wirklichkeit ist eben immer etwas verschieden. Doch im grossen und ganzen geht das ganz gut. Auch hier erwarten uns lauschige Seelein, die jedoch, wegen der Wolken und der Temperatur, heute nicht zum Bade laden, wie geplant. Wir kommen am einzigen Heidelbeerstrauch vorbei, der voll ist mit reifen Beeren, inmitten von tausenden Sträuchern, die erst im Frühstadium sind. Wir schlagen zu! Blaue Zungen als Beweis inklusive.
Zwischendurch gehts dann wieder etwas hinauf, mitten durch Alpweiden und friedliche Kuhherden mit Pilzen auf ihren Fladen. Mir ist sofort klar, was das für Pilze sind: Psilocybe cubensis, auch Zauberpilze genannt. Es gibt sie hier zu Hunderten! Noch vor wenigen Jahren hätte ich sie gesammelt und getrocknet. Inzwischen kann ich sie fotografieren und mich einfach darüber freuen.

Unter den Wolken ist die Freiheit grenzenlos…
Spiegelseen mit Glärnisch
Der einzige Heidelbeerstrauch mit reifen Früchten!
Fein!
Pittoreske Wegführung
Gipfelfoto auf dem Franzenhorn
Psilocybe cubensis
Psilocybe cubensis
Psilocybe cubensis
Schönaufurggeli Richtung Norden
Die Zauberpilzweiden
Noch ein Spiegelsee
Bergblumenblau

Wir kommen am Restaurant Tannenberg vorbei, auf 1’000 müM. Hier bekommen wir von den zwei Frauen, die das Hotel führen, exquisiten Kaffee, Martin eine Eigenkreation aus Waldbeersorbet und Melonensalat und ich zwei Kugeln Glacé. Das hilft uns, den Rest des Abstiegs mühelos zu meistern und wir kommen in Schwanden unversehrt und glücklich an. Der Zug bringt uns nach Glarus, wo wir, geneigte Leser erahnen es, im Schützenhaus uns zum Znacht einfinden. Monika, meine langjährige Freundin, die hier wohnt, kommt erst um 20:15 von St. Gallen nach Hause. Wir treffen sie noch zu einem Trunk im mobilen Hipster-Beizli, welches im Volksgarten beim Bahnhof viel junges, hippes Volk anzieht. Zu kurz ist die Begegnung, denn wir haben noch einen langen Heimweg vor uns.

Restaurant Tannenberg
Schwanden im Abendlicht (Foto. Martin Heimgartner)