Donnerstag. Ein schöner Tag kündigt sich an. Nach den Unwettern letzte Woche sind wir etwas vorsichtig und fragen erst im Bekanntenkreis nach, wo es sicher ist. Wir entscheiden uns für das Glarnerland und fahren nach Luchsingen. Das Restaurant ist geschlossen, obwohl im Netz steht, dass es offen ist. Ja nu. Wir wollten eh nur einen Kaffee und ev. ein Glace. Bei der Seilbahn-Talstation erwarten uns zwei junge Frauen mit Kind, Kinderwagen und Unmengen an Gepäck. Zum Glück ist sonst niemand da, der rauf will. Die beiden nehmen sich Zeit, sehr viel Zeit, und nehmen uns erst gar nicht wahr. Sie stellen den Kinderwagen, der hier unten bleiben soll, so geschickt auf den dort stehenden Veloständer, dass alle Plätze dadurch besetzt sind und fragen den Seilbahnwart, ob das ok sei… Dieser ist selbst etwas überfordert, einerseits, weil er seinen Sympathien jungen Frauen gegenüber offensichtlich etwas machtlos ausgeliefert ist, und andererseits, weil er bereits am Telefon meine einfache Frage, ob er schon vor der Fahrplanzeit um 11:30 fahren würde, falls es Gäste gäbe, nicht verstand und meinte, er wolle dann aber in die Mittagspause. Auch auf die Frage, ob es dann oben Verpflegungsmöglichkeiten gäbe, antwortet er nur das, was wir schon wissen, nämlich dass das Bächistübli am Donnerstag geschlossen ist. Als wir einsteigen und sehen, dass schon Gepäck in der Kabine deponiert ist, frage ich eine der jungen Frauen, ob sie denn einen Plan hätten, damit wir alle Platz hätten. Nein, sie habe keinen Plan. Während der Fahrt probieren wir, ein lockeres Gespräch zu führen und fragen, ob sie, wie in den Hüttengeschichten, eine Saison rauf auf die Alp gingen. Irgendwie verwirrt sie das ebenfalls, meinen sie doch sicher, wir seien zwei alternde Glüstler, die den Kontakt zum jungen Fleisch suchen. Sie ahnen nicht, wie sehr sie sich da irren…
Der Oberblegisee ist von der Bergstation noch 60 Gehminuten weit weg. Nach zwei Dritteln sehen wir schon die erste Tafel, die uns zu der sympathischen Alpbeiz Oberblegi Unterstafel verführen will und das auch tut, wo wir uns mit Kaffee, selbstgebackener Linzertorte, Schoggiglace und Vanillefrappé eindecken. Danach gehts ruckzuck die steile Kiesstrasse hinauf zum unvergesslich schönen Bergsee. Wir finden, trotz guter Belegung mit Feriengästen, die wohl von Braunwald hinüberwanderten, eine kleine Bucht für uns allein, ganz so wie im Bilderbuch, und lädt uns zum Bade. Dieser Einladung folgen wir sofort! Obwohl die Bergspitzen wolkenbehangen sind, wo sich vier todesmutige Gleitschirmflieger tummeln, scheint uns die Sonne im Minutentakt auf den Pelz, bevor dann wieder eine kühlende Schattenpartie vorüberzieht. Perfekt!

Alpbeiz Oberblegi Unterstafel
Alpbeiz Oberblegi Unterstafel
Am Oberblegisee
Der Beweis!
Am Oberblegisee
Am Oberblegisee

Nach Nordosten gehts weiter, auf dem Grat hinauf auf neuen, unbekannten Pfaden, durch Bergblumenwiesen in allen Farben: Alpenrosen, Knabenkräutern, Teufelskrallen und, und, und. Zwischendurch eröffnet sich uns der Blick hinunter ins Tal. Den Oberblegisee sehen wir nun auch mal von oben, und schon befinden wir uns auf dem Übergang ins nächste Seitental, wo man einen ebensolchen, schönen See erwarten würde. Doch dem ist nicht so. Hier gibts nur eine Wüste aus Eis, Felsbrocken, Geröll und Schlamm, welche als „Guppenseeli“ bezeichnet wird. Irgendwie ist hier wohl der Grund zu durchlässig, so dass sich leider nie ein richtiger See bildete. Dies findet die Älplerin der Alp Guppen Oberstaffel aber sogar gut, welche uns dies hier, wo es schon wieder unverhofft Kaffee und Kuchen gibt, verrät (Der Herr Seilbahnwart müsste mal wieder upgedatet werden!). Sonst kämen ja noch mehr Leute hierher. Da wir weit und breit niemanden sehen, ahnen wir, dass sie hier eher die Abgeschiedenheit als den Tumult sucht. Obgleich es im Lager über 100 Matratzen gibt zum Übernachten. Der Hund bellt uns erst an und schleckt uns dann ab. Das Büsi piepst uns an und die Schweine rund um die Hütte grunzen leise vor sich hin und halten Siesta. In einem grossen Holzbottich brütet eine weisslich-gelbliche Brühe, die sich weder als Eselsmilch noch als Schönheitsbad aus Molke für gestresste Banker und Expats herausstellt, sondern als Schweinefrass. Aber Molke ist es dann doch.

Bergblumen
Blick hinunter nach Luchsingen-Hätzingen
Oberblegisee von oben
Guppenseeli & Guppen Oberstaffel
Etwas herangezoomt: Guppen Oberstaffel
Der Hunger wird zwischen Knabenkräutern gestillt
Hundezähmung in der Guppen Oberstaffel
Kaffee & Kuchen in der Guppen Oberstaffel
Schweine-Siesta in der Guppen Oberstaffel
Guppen Oberstaffel mit Blick zurück zum „Guppenseeli“

Der kleine Übergang ist schnell erreicht, und von nun an gehts 1’200 Meter steil bergab. Ein rotbärtiger, eher fülliger Mann kommt uns entgegengeschnauft, äugt uns etwas schief an und kann kaum grüssen, der Arme. Wir nehmen an, dass er zur Älplerin gehört, welche nun ihrerseits oben auf dem Grat neben einem lauten Raupengefährt gemütlich herläuft, Richtung Transportseilbahn, um die Ware dort abzuholen, welche der Älpler wohl im Tal unten eingekauft und aufgeladen hat. Und nun, weil er nicht mit der Bahn mitfahren darf, keucht er wieder rauf.

Steil gehts bergab
Auf der anderen Talseite: Bergstation Bärenboden
Flechtenringe sehen aus wie Supernovae-Explosionen

Unten zwischen Schwändi und Schwanden kommen wir an aufwändig gestalteten, zweistufigen Hochwasser- und Murgang-Schutzbauten vorbei. Sehr aktuell, und wenn man oben sieht, wie das Gestein instabil ist und im Winter viele Lawinen runterkommen, eine weise Investition. Angesichts des Klimawandels und der vermehrten, potentiellen Niederschläge um so mehr. Das Traversieren nach Glarus ist dann nur noch etwas Fleissarbeit, die wir uns in unserem Lieblingsrestaurant Schützenhaus belohnen.

Hochwasser- und Murgang-Schutzbauten
Buddha-Büsis
Schmaus im Schützenhaus