Freitag. Die Reise verläuft problemlos, in Zürich treffen wir im Hiltl Sihlpost „Pöstli“ Elinor, die Chefin. Diesmal bin ich frech genug und mache von uns dreien ein Panorama-Selfie. Parallel dazu fahren meine Schwiegereltern mit dem Auto und unserem Gepäck Richtung Waadtland. In Bern leuchtet die Kühlwasser-Warnlampe, und wir koordinieren uns zusammen, so dass sie schliesslich in Bulle in einer Garage das vom Auto sehnlichst erwartete Nass erhalten und die Reise ihrem Ende widmen können. Die Wiesen ums Häuschen blühen wunderschön. Sie sind voll mit Knabenkräutern.

Elinor im Hiltl Sihlpost „Pöstli“
Lupinen und Margriten
Bartnelken
Freund & Feind
Knabenkraut

Samstag. Ein wunderschöner Tag kündet sich an, hier in La Lécherette im Waadtland. In der Unterführung von Château d’Œx findet heute die Schweizerischen Scherenschnitttage statt, und klar, wir nehmen uns eine Nase voll davon, bis unser Luxuszug „GoldenPass Belle Epoque“ einfährt und uns nach Rougemont fährt. Und heute eröffnet die Gondelbahn von Rougemont auf die Videmanette ihre Tore. Für ganze sechs Wochen. Da muss man planen! Wir wissen nicht, was uns erwartet: Eine pumpenvolle Terrasse, wo kein Platz mehr frei ist, oder gähnende Leere. Es herrschte eher Letzteres, und unser Lieblingsplatz, den wir vor einem Jahr einnahmen, ist auch frei. Wieder entscheiden wir uns für die Rösti mit einem warmen Tomme darauf. Dazu mixen wir uns eine Schoschorle, also eine Schorle, verdünnt mit Wasser.

Scherenschnitttage
Scherenschnitttage
GoldenPass Belle Epoque
GoldenPass Belle Epoque
GoldenPass Belle Epoque: Sogar der Türknopf bekam eine Messingfassung im alten Stil
GoldenPass Belle Epoque
Aussicht von La Videmanette
Aussicht von La Videmanette
Rösti mit geschmolzenem Tomme

Hinab gehts Richtung Gstaad. Irgendwo da unten gibt es von ca. 1982 ein Foto mit Martin, seinem Bruder Christian und Vater Paul. Die Pferde und Kühe sind noch nicht hier oben, als wir das Foto nachzustellen versuchen. Die schöne Berglandschaft betört uns. Leider falle ich an einem steilen Stück auf dem Kiessträsschen schon wieder auf die Nase, d.h. auf die rechte Hand, was in der Schulter ein Blitzgewitter aus Schmerz hervorzaubert. Das Antihistamin tut wohl auch noch seinen Anteil, weil es etwas Schwindel und Müdigkeit verursacht, und so versöhne ich mich langsam mit dieser Torheit. Ein Regenbogen-Phoenix aus Wolken erscheint am Himmel. Und am Wegesrand scheint die Fauna immer üppiger zu werden. Wir sehen blühendes Alpenfettkraut und ganze Weiden voller Knabenkraut, während wir weiter steil absteigen. Kaum wieder in der Deutschschweiz, kaufen wir bei einem Alphof einen Tomme, der im bereitgestellten Kühlschrank auf uns wartet. Dann gehts wieder hinauf, eine konstant ansteigende, geteerte Strasse, scheinbar unendlich lang. Die Sonne brennt. Doch schliesslich erreichen wir das Eggli, wo im Winter wohl der Teufel los ist. Die Bergbahnen stehen jetzt still und leise, und sogar ein Bachstelzchen pickt vor uns im kargen Kies nach uns Verborgenem. Eine Kuh schaut aus dem Stall und scheint Interfromage für Baer auszubrüten. Das Bild sagt mehr als alle Worte. E-Biker und Hündeler mit Auto kreuzen sich hier oben. Wir biegen ab in einen (schon wieder) sehr steilen, gewundenen Weg, der uns innert Kürze nach Gstaad hinunter bringt.

Nachgestelltes Bild…
…von ca. 1982: Paul, Christian & Martin, v.l.n.r
Berg-Idylle mit Alpenrosen
Regenbogen-Phoenix
Knabenkraut in Blumenwiese
Alpenfettkraut (Fleischfresser)
Blüte des Alpenfettkrautes (Fleischfresser)
Lustiges Stein-Dreck-Städtchen
Gummfluh (l), La Videmanette (Mitte rechts), Chalberhöni (Unten Mitte)
Knabenkraut-Horde
Interfromage-Kuh
Bachstelze auf dem Eggli

Wir suchen einen Brunnen, um uns zu erfrischen, als eines dieser unsäglich kitschigen Traktoren-Bähnchen, welches Touristen die Stadt zeigen soll, hinter einem Kreisel hervorrollt und uns die drei Jungs, die zuhinterst sitzen, anscheinend im Vollsuff blöd anmachen, kreischen und schreien. Was, verstehen wir nicht. Doch als das Bähnchen nach zwei Minuten wieder von hinten an uns vorbeifährt, bin ich vorbereitet und filme das Ganze wie ein Tourist und zoome am Schluss auf die Jungs von vorhin. Wiederum lallen sie dummes, beleidigendes Zeug in unsere Richtung. Als sie bemerken, dass ich filme, schwächen sie ihr Gehabe ab. Was die damit bezwecken wollen ausser untereinander zu imponieren (mit was eigentlich?) und warum wir ihr Zielobjekt sind, bleibt ein Rätsel. Jedenfalls löst es in uns ein ganz mieses Gefühl und einen Adrenalinstoss aus. Alte traumatische Mobbingsituationen, die ich in Hedingen in der Schule erlebte, aber auch schon in Zürich und anderswo, immer im Zusammenhang mit Homohass, brechen auf, und ich bin auf Kampf eingestellt. Das Züglein fährt langsam, nur ein paar Meter vor uns her, die Jungs fast in Greifnähe. Ein Polizist schlendert uns entgegen und an uns vorbei. Die Situation ist gruselig, doch langsam wird der Abstand wieder grösser, und die Pubertierenden sind nun die ganze Zeit still.
Die nächste Kuriosität erwartet uns in der Bäckerei „Earlybeck„, wo der Angestellte im Aussenbereich nicht Deutsch kann, auch kein Französisch, nur Englisch! Er will uns mitteilen, dass man drinnen bestellen muss, auf Deutsch. Scherzhaft frage ich drinnen die Angestellte, welche mich in gut einstudiertem, astreinem Berndeusch mit einem „Grüässäch“ empfängt, ich könne ja sicher mit ihr Deutsch sprechen. Doch das war kein Witz, denn sie sagt in gebrochenem Deutsch: „Ein bisschen“. Expatismus, so nennen wir das Fänomen, dass billige ausländische Arbeitskräfte eingestellt werden, die kein Wort Deutsch sprechen.
Nun, meine gegenwärtigen Eindrücke in Gstaad möchten wir momentan nicht vertiefen, und so flüchten wir Richtung Saanen. Der Weg am Fluss ist lauschig und schattig, und so erreichen wir den Bahnhof innert Kürze. Im Dörfchen treffen wir die Familie, bestehend aus einem gigantischen Berner Bären, einer schlanken Frau und zwei Kindern mit Epikanthus-Falten, welche wir unterhalb der Videmanette bereits antrafen. Anerkennend meine ich zu ihnen, „so, habt ihr es auch geschafft?“. Sie antwortet, sichtlich erfreut, „ja, wir sind sehr erleichtert!“, und der grosse Bär brummt freundlich zustimmend mit ein.

Gstaad erwartet uns
Besoffene Unfreundlichkeit in Gstaad
Die Saane bei Saanen

Wieder reisen wir im GoldenPass Belle-Epoque, und in Château d’Œx erwartet uns ein junger, schwarzhaariger und -bärtiger Chauffeur, der uns behende nach La Lécherette fährt. Im Chalet erwarten uns Paul und Hannelore, welche bereits etwas Feines für uns gekocht haben: Kartoffelgratin, Nuggets und Salat, hmmmmm!