Gestern Abend haben wir „Die zwei Türme“ angeschaut. Allerdings waren die Abschlacht- und Kriegsszenerien eher bemühend und langwierig anzuschauen. Der Beamer hingegen war eine lohnenswerte Investition. Schon erstaunlich, welch grosses und helles Bild diese Kästchen inzwischen an die Wand zu projizieren vermögen. Mit meinem mitgebrachten AppleTV und einem Bluetooth-Lautsprecher von Marshall kann man tatsächlich Kinofeeling erzeugen. Ein bisschen ein schlechtes Gewissen bleibt, da ja die Bandbreite z.T. bereits beschränkt wird (YouTube und Netflix) und wir die Leitungen nicht unnötigerweise noch mehr belasten sollten.
Ebenfalls eine lohnenswerte Investition ist das Sprossen-Glas, welches uns nun regelmässig mit frischem Eiweiss versorgt.
Heute morgen kommen 17 Updates fürs iPhone. Unter Anderem für den SBB Fahrplan. Prominent und rot prangt die Mitteilung „Der gesamte öffentliche Verkehr der Schweiz wird ab Donnerstag 19. März 2020 stark reduziert….“ OK, das ist also seit gestern, man hat es ja in den News gesehen. Aber jetzt ist es so real auf dem Display und hinterlässt schon ein mulmiges Gefühl. Der ÖV wird eingeschränkt, die Empfehlung, man soll ihn nicht benutzen, wird seit Tagen mantraartig wiederholt. Wenn möglich soll man mit dem Auto fahren, das wird aber nicht explizit so gesagt, sondern man empfiehlt, sich „zu Fuss“ oder „mit dem Velo“ fort zu bewegen. Dabei ist klar, dass bei einer mittleren Auslastung des Autos mit 1.1 Personen pro Fahrzeug, die Ansteckungswahrscheinlichkeit sehr klein ist.
Überhaupt werden langsam Schwächen unseres Systems sichtbar. Das öffentliche Leben wird schrittweise heruntergefahren, um die Ansteckungsrate zu senken. Läden, die nicht unmittelbar zur Grundversorgung dienen, werden geschlossen. So auch alle Coiffeur-Salons. Ich frage mich, mit wie langen Mähnen die Bevölkerung in 2 Monaten herumläuft. Die Haare wachsen im Durchschnitt 1 cm pro Monat. Wären also 2 cm. Wenn die Krise aber 6 oder 12 Monate dauert, sind es entsprechend viele cm. Scheint nicht besonders eindrücklich zu sein. Bei den Bärten sieht es wohl etwas anderes aus. In einem Jahr 12 cm länger, doch, als Bartliebhaber könnte ich mich durchaus damit anfreunden. Schlimmer ist es mit den Lohnausfällen in diesem Kleingewerbe. Wer von der Hand in den Mund lebt, trifft es am härtesten. Doch es gibt auch Lichtblicke, denn der Bundesrat verspricht, innerhalb einer halben Stunde Geld locker zu machen.
Die Flugzeuge bleiben am Boden, mehr und mehr. Es ist schon angenehm ruhig, so in der Abflugschneise. Wir sind schon fast an dem Punkt angelangt, wo wir nach draussen stürmen und winken, wenn mal wieder eines über uns fliegt. Es scheint aber auch richtig zu sein, dass diejenigen Vehikel, die die Viren in der Welt verteilen, endlich mal gestoppt werden. Allerdings erst als Letztes, kurz vor der Ausgangssperre. Und das nur, um das neoliberalistisch funktionierende System so lange wie möglich am Leben zu erhalten. Ein System, das nicht mal Reserven für ein paar Wochen Einnahmenausfall angespart hat.
Diese Massnahmen werden durchgesetzt, um zu verhindern, dass das Gesundheitssystem versagt. Welches genau so gemäss der allseits grassierenden Gewinnmaximierung gesund bzw. krankgeschrumpft wurde. Zuerst fehlt es an Atemmasken. Wie bitte, Atemmasken? Aufgrund von Sparwahn wurden die Vorräte nicht aufgefüllt. Weil ja im neoliberalistischen Just-in-time-Wahn darauf vertraut wird, dass alles weltweit sofort lieferbar ist. Weiter gehts mit den Plätzen auf Intensivstationen. Die wurden soweit reduziert, dass in einem durchschnittlichen Spital schon bei einem Dutzend Fällen Notstand herrscht. Dann fehlt es an Beatmungsmaschinen, weil man die im Regelfall ja kaum braucht. Mit anderen Worten: Das Gesundheitssystem ist nicht für den Notfall wie einer Pandemie vorbereitet. Man lässt also lieber einen Grossteil der Wirtschaft herunterfahren und verursacht dadurch Milliardenschäden, anstatt dass man für ein paar Milliönchen pro Jahr genügend Reserven bereithält. Das ist etwas, was ich allen Wirtschaftsliberalen, ob Links, Rechts oder in der vermeintlichen Mitte, massiv vorwerfe. Ein System, das nicht vorbereitet und nachhaltig ist, versagt bei der geringsten Erschütterung.



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