Freitag. Neujahr. Wir verbrachten die letzten Tage hier in Schöfflisdorf und vermieden Kontakte. Währenddessen werden Skigebiete wieder geöffnet, es wird gereist und gefeiert, über viele Haushalte hinweg und völlig legal. Die Spitäler sind ja noch nicht ganz voll, heisst es. Das System an der Belastungsgrenze fahren lassen ist das unausgesprochene Motto. Sprich, das Virus lacht sich ins Fäustchen, vermehrt sich billionenfach, mutiert munter herum und hat offenbar auch schon Erfolg, wie die neuen Varianten, die sich aktuell ausbreiten, nun zeigen. Sorry Volk, aber das ist absolut dumm. Man braucht keine Hellseherin zu sein, um das Desaster vorher zu sehen, das da noch kommt. 7’000 Tote hat uns das allein in der Schweiz bisher im 2020 gekostet. Man opfert die Alten und Kranken, damit die Jüngeren mehr Freiheiten haben, und diese beklagen noch, dass sie Masken tragen sollen. Wo ist da die humanitäre Tradition, die angeblich unser Land so vorbildlich macht? Die Medizin hat genauso zur Erhöhung des Durchschnittsalters beigetragen wie zur massiven Senkung der Kindersterblichkeit. Heute überleben Babys, die unter 1 kg wiegen, Kaiserschnitt ist ein Routineeingriff, und durch künstliche Befruchtung bekommen Paare Kinder, die sonst keine bekommen hätten. Hier wird alles unternommen, damit auch die Schwächsten und Kränklichsten überleben. Was wäre, wenn wieder mal ein Virus kommt, das Babys sterben lässt? Würden wir dann auch sagen, „früher starben Kinder auch“ oder „die sind ja schnell wieder gemacht“? Was für ein (berechtigter) moralischer Shitstorm überkäme uns bei solchen Aussagen! Aber bei Alten und Kranken ist das offenbar anders. Das stimmt mich sehr nachdenklich. Wie diese wohlstandsverwöhnte Gesellschaft mit ihren Schwächsten umgeht, und das Wirtschaftswohl über das Gesundheitswohl stellt, ist unerträglich. Dabei rechnen die Neoliberalen noch durchs Band falsch: Inzwischen haben sie durch ihren Lobbydruck auf die Gesellschaft und die Regierung das ganze Desaster bereits jetzt derart in die Länge gezogen, dass es Unmengen mehr kostet als ein harter, kurzer Lockdown.
Die Impfung soll nun Abhilfe schaffen. Das wird sie auch, aber nicht sofort. Das wird noch Monate dauern, bis eine genügende Menge geimpft ist. Dann sind da noch diese notorischen Impfgegner, die denken, es genüge, das Immunsystem zu stärken und etwas Yoga zu praktizieren, um davonzukommen. Diesbezüglich habe ich letzthin einen schönen Dialog gelesen:
Eine Mutter wird von ihrer kleinen Tochter gefragt: „Warum hast du eine Narbe an der Schulter?“ Die Mutter antwortet: „Das kommt von der Pockenimpfung.“ „Warum habe ich dann keine Narbe dort?“ fragt die Kleine. „Weil die Impfung funktioniert hat.“
Nichtsdestotrotz versenden wir die guten Neujahrswünsche, im Wissen, dass es noch lange nicht besser wird und dass 2021 eben nicht die Erlösung von 2020 ist. Das ist reine Zahlenmystik und schert das Virus einen Dreck. Die lustigen Filmchen, Bildchen und GIFS, die sich über das missratene 2020 lustig machen und die fleissig auf WhatsApp und co. rumgereicht werden, versprühen zwar allesamt Humor, hinterlassen aber einen bitteren Nachgeschmack. So wie momentan von allen Seiten her rumgeschwurbelt wird, sehe ich vor 2022 kaum so etwas wie „Normalität“. Was immer das auch sein soll. Denn das, was vorher war, war auch alles andere als „normal“.



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