Donnerstag. Seit Wochen herrscht in den tieferen Lagen eine zähe Nebelsuppe, wie wir sie seit Jahrzehnten nicht mehr erlebten. Man hat sich inzwischen ja daran gewöhnt, dass es bis Weihnachten sonnig und trocken ist. Doch heuer wähnen wir uns in einer klimatischen Zeitmaschine.
So kommt uns die Einladung nach Seewis eigentlich gerade recht. Hier rekonvalesziert Urs sich von seiner Operation, während die Sonne täglich ihren ungehinderten Bogen vollzieht. Wir reisen im praktisch leeren Schnellzug nach Landquart und dann mit der Rhätischen Bahn in wenigen Minuten nach Grüsch. Hier liegt noch alles in tiefgefrorenem Blass-Blau. Die Stromabnehmer der Lokomotiven knistern lustig und sprühen kleine, helle, violette Funken, die auf dem Film dann grün erscheinen. Ein Fänomen, das bei monochromatischem Licht auftreten kann.
Es gibt nun einen einstündigen, steilen Aufstieg zu bewältigen, während die Sujets nur darauf warten, abgelichtet zu werden. Da wäre als Erstes die Burgruine Solavers, die bereits mit goldenem Licht horizontal angestrahlt wird. Kaum kommen wir aus dem kalten Schatten in die Sonne, fällt eine um die andere unserer Hüllen. Martin läuft bald schon nur noch kurzärmelig hinauf. Es ist ein bisschen wie auf dem Mond. Nicht, dass ich schon einmal dort oben war, aber man weiss, dass ein Stein auf der Schattenseite -100°C kalt und auf der sonnenbeschienen +100°C heiss ist!







Schon sind wir auf der Sonnenterrasse von Seewis, noch etwas zu früh, und so schauen wir uns im Dorf etwas um. Das kleine Postauto fährt gerade heran und wendet auf dem Kehrplatz an der Endstation. Wir melden Urs, dass wir da sind, und er macht sich ebenfalls auf den Weg zur Terrasse hinunter, wo wir zusammen essen und uns gemütlich austauschen. Wir sind froh, dass es ihm bereits wieder so gut geht. Als Vegimenü gibt es Winterrollen, eine Art Frühlingsrolle, gefüllt mit Käse. Ein Alptraum für jeden Chinesen. Dazu Thymian-Spaghetti und Zucchetti. Urs begleitet uns noch bis ans Dorfende, was bereits einer Tages-Trainingseinheit der Gruppe 4 entspricht!



Wir rechnen mit einer easy Tour nach Malans hinunter. Der direktere Weg führt aber über ein kleines, schattiges, kaltes Tal, und so entscheiden wir uns für die sonnigere, aber auch längere Variante am Sonnenhang. Das kostet uns mehr als eine halbe Stunde mehr. An solch kurzen Tagen wie jetzt kann das schon relevant sein. Aber die Wegführung lohnt sich. Wir navigieren uns an einem Güllenwägelchen vorbei, das seine braune Ladung 20 Meter weit in den Hang hinauf versprüht. In diesen Strahl des Ekels wollen wir unter keinen Umständen geraten! Etwas später landen wir auf dem Crupspitz mit ersten, tollen Aussichten ins Rheintal. Sogar goldene Lärchen finden wir hier unverhofft immer noch. Es geht endlich bergab durch einen lichten, lichtdurchfluteten und steilen Wald, doch alsbald wieder hinauf, und dann noch mehr hinauf, bis wir auf dem Fadärastein ein Gemälde aus Licht, Dunst- und Nebelmeer, Bergen und senkrechten Felswänden erblicken. Wieder einmal atemberaubend! Aber wir dürfen keine Zeit verlieren, der Schatten klettert bedrohlich schnell den Berg hinauf. Steil gehts bergab über Felsenwege und steile Serpentinen. Fünf Gämsen hetzen über uns auf einem schmalen Felsbändchen hinweg und lösen Steine aus. Wir gehen unter einem Felsen in Deckung, gerade so, dass wir die Tiere noch beobachten können. Die Hinterste muss an einer Stelle dreimal ansetzen und entscheidet sich dann für eine Alternativroute.












Der Nebel schleicht vom Walensee her das Rheintal hinauf. Zum Glück tut er das auf der anderen Talseite, dort, wo zu dieser Jahreszeit fast keine Sonne hinscheint und es darum kälter ist. Malans ist eben auf der Sonnenseite. Die Weinberge danken es mit weniger Schimmelpilzen und deswegen weniger Behandlungsbedarf, was den Biobauern entgegen kommt. Die Hochspannungsleitungen versinken langsam im grauen Feucht und es herrscht eine zauberhafte Atmosphäre.
Am Bahnhof Malans angekommen reicht es gerade noch zum Umziehen, Fol-Epi-Brezel essen und die Kamera in Stellung bringen, und schon rauscht das Bähnchen heran mit dem voller werdenden Mond im Hintergrund.
Was für ein schöner Tag!



Freitag. Uns ist in den Sinn gekommen, dass wir noch Kleider für unsere Verpartnerung brauchen. Die Herausforderung lautet: Etwas, was man nicht nur einmal trägt, aber trotzdem genug würdevoll ist. Mir kommt der Kleiderladen Hudson Surplus in den Sinn, wo ich auf Empfehlung meines Ex-Bären Gian Marco schon vor 20 Jahren T-Shirts und Anderes kaufte, die ich noch immer tragen kann. Es stellt sich heraus, dass der Laden inzwischen konsequent auf Fairtrade, immer noch auf Langlebigkeit und sehr sympathische, junge Bedienung setzt. Der BWL-Student berät uns dezent, und so haben wir Shirts, Hemden und Jacken im Nu beieinander. Eine gestrickte rote Wolle-Angora-Mütze lacht mich auch noch an, und so verlassen wir vergnügt den Ort des Einkaufsglücks.
Die Hosen wollen wir im Transa erwerben, wo ich bereits in den letzten Jahren Gefütterte aus Baumwolle von Mammut fand. Diese wären genug chic, und wir könnten sie auf unseren Winterwanderungen tragen. Aber oh weh, es gibt nur noch hochfunktionale Plastikhosen oder welche mit Knieschoner-Taschen. Auch im Mammut-Laden selbst finden wir nichts. Ein ähnliches Schicksal ereilt Martin im Laden WE, wo er seine Jeans seit 20 Jahren her hat. Dieses Jahr ist alles anders, und auch hier dominiert Kunststoff und Elastan, weil das dem Kundenwunsch entspreche, so die junge, schicke Verkäuferin im dunkelbeigen Anzug. Mit leeren Händen verlassen wir den Tempel.
Bei Roger Handermann in seinem Leder-Atelier hinterlassen wir eine Bären-Gürtelschnalle, damit er das Leder dran-nieten kann. Dies ist die erste Version unseres Bärengürtels, bevor dann die Handgemachte sowohl unseren Hosenbund schnürt als auch unseren Lebens-Bund besiegelt.
Dass heute Black Friday ist, diese Amerika-importierte Geiz-ist-geil-Hysterie, checken wir eigentlich erst, als wir unsere Shopping-Tour schon geplant hatten. Trotz allem haben wir Glück und umschiffen die Massenanstürme gekonnt.
Beim Betrachten des Bildes mit Urs ist es kaum zu glauben, dass es Urs nach einer so anspruchsvollen Operation wieder so gut geht. Wir wünschen ihm weiterhin gute Fortschritte.
Das Dorf Fanas hat eine prächtige Lage. Ob man die Ruine über Grüsch vom Zug aus auch sieht? Werde wenn wir wieder einmal vorbeifahren darauf achten und auf die entsprechende Seite sitzen.
Wir Nebel-Molche aus dem Unterland können uns die sonnenüberflutet Welt obenuse gar nicht mehr recht vorstellen… huhuu