
Freitag. Es muss nicht immer heiter Sonnenschein sein, um etwas Schönes zu erleben. Es kann auch der schnöde Zuger-Hausberg sein. In Erinnerung habe ich ein mit Gülle getränktes Hochplateau. Um so positiver ist mein Eindruck heute, während wir durch das Hochmoor laufen. Das Restaurant bei der Bergstation der durchaus eindrücklich steilen Standseilbahn ist sehr konventionell, fast so wie auf einer Skipiste, die Gemüse-Spätzlipfanne eher etwas langweilig, aber ok. Umso mehr entzückt uns der Hintergeissboden, 30 Minuten Laufzeit. Von aussen sieht es eher aus wie in einem düsteren Krimi, doch drinnen ist es frisch und modern. Eine junge Crew empfängt uns freundlich und wir entscheiden uns, den noch fehlenden Salat hier nachzuholen. Es hat sich gelohnt.
Der Schnee ist komplett weg. Die Ausschilderungen für Langlauf, Schneeschuhlaufen und Winterwandern stecken trist im Morast, die Naturwege schwarz wie Kohle und pflotschig. Zum Glück sind unsere Schuhe auch schwarz!
Wir geniessen die Weitsicht auf der Hochebene. Rigi und Pilatus winken uns permanent zu, und auch der Wildspitz. Wir kommen schliesslich in Untersüren an und halten Ausschau nach dem Hirschebeizli. Finden tun wir allerdings was anderes. Links ein verwunschener Teich mit allerlei Gimmiks als Deko und wohl als Einladung gedacht. Eine Tafel erklärt, dass es hier zum Chnopfstübli geht. Was es damit auf sich hat, erahnen wir erst nach und nach, denn die ganze Szenerie ist ein einziges Wimmelbild aus Häusern, selbst gezimmerten Anbauten, Wohnwägen, Plätzen und so weiter. Ein kleiner Schrein mit einem Buddha, der eine Discokugel vor sich liegen hat, begünstigt unsere Hoffnung, dass man es hier locker nimmt. Wir erwarten also so etwas wie eine Hippie-Kommune. Tatsächlich finden wir den kleinen, kuschligen Raum mit Kaffeemaschine, Süssigkeiten, einem Gestell mit allerlei Getrocknetem und Eingemachtem, und eine grosse Wand voller Bücher. Der winzige CD-Spieler funktioniert und es ertönt traditioneller portugiesischer Fado. Als wir wieder nach draussen treten, empfängt uns Viola. Sie hat etwas Ur-Weibliches, Östrogen-Dampfendes. Und so redet sie auch gleich drauf los, von Mutterland anstelle von Vaterland, Landhirtschaft, und die Männer seien an allen Miseren Schuld. Als wären wir nicht real vor ihr stehende Männer. Die drei Wasserquellen seien von den Kühen weiter oben mit Gülle verschmutzt. OK, da hat sie unser Mitgefühl. Wir versuchen, Gemeinsamkeiten zu erkennen und herauszustreichen. Sie beklagt sich, dass sie eine Abrissverfügung für die offenbar illegal aufgestellten Anbauten hat. Dass sie für den Esswald (wahrscheinlich meint sie den Waldgarten) keine Subventionen bekommt. Dabei ist sie doch die Besitzerin der 11 Hektaren Land und möchte mit der Alters-WG doch nur Gutes tun. Als ich auf dem WC bin, kommt dann, wir haben es geahnt, die 5G-Keule (Handyantenne), und bevor dann noch das Corona-Leugner-Geheul losgeht, verabschieden wir uns und schauen uns das Gelände noch etwas genauer an, wie sie uns empfohlen hat. Ein mega herziges Büsi empfängt uns blinzelnd. Es sitzt auf einem am Zaun lehnenden, abgestellten Lüftungsrohr und saugt unsere Streicheleinheiten genüsslich in sich auf. Es hat wohl auch etwas genug von diesem Getue und sucht hier etwas Ruhe.
Dann geht es extrem steil hinab, auf dem rot-weissen alpinen Weg, schnurstracks hinunter nach Walchwil. Mit dem Bus fahren wir nach Zug. Martin taucht in das flüssige Gold des Zugersees hinab, der Pilatus majestätisch als Kulisse. Das Timing ist perfekt. Vorher ist es grau, und nachher dunkel. Im Theater-Casino sitzen wir an der Fensterfront und bekommen Kaffee und etwas kleines Süsses. Die ganze Crew feiert den Weihnachtsapéro, wir werden Zeuge der bewegenden Rede des seit einem Jahr neuen Chefs.
Am See entlang gehen wir Richtung Bahnhof und können uns kaum satt sehen an der einnachtenden Stimmung. Der See verwandelt sich in Obsidian.














Wunderschöne Bilder. Bei mir werden so viele Erinnerungen wach. – Martin schwimmt im flüssigen Gold !!! Ich finde keine passende Worte!
Liebe M&M’s
Wieder ein toller Bericht… Ich habe von euren Blog’s schon viel gelernt über die Schweiz; aber was ihr aus der Vorwinter-Stimmung gemacht habt, ist Kunst. Die Hexenklause darf man nicht scharf abbilden, sonst geht der Zauber verloren. Scheinbar merkt das iPhone das – Verwandtschaft mit dem Gufelti oder Quantenerscheinung?
Lieber Michael
Danke für die zauberhaften Fotos!
Herzlich Oliver