Donnerstag, 8. & Freitag 9. August
Als unsere Mutter anno 1998 ihren 70. Geburtstag feierte, äusserte sie den Wunsch, einmal auf das Faulhorn im Berner Oberland zu wandern und im Berghotel zu übernachten. Es kam leider nie dazu. Im 1999 machte ich die Tour zusammen mit meinem damaligen Freund und merkte schon, dass das für Senioren langsam grenzwertig ist. Von der Länge, vom Aufstieg und von der Höhe her. Das Hotel Faulhorn ist immerhin auf 2681 müM, und damals fror ich mir in der Nacht einen ab.
Heuer feiert meine Schwester Annette ebenfalls ihren 70. Geburtstag. Sie hat zwei ihrer Geschwister mit Anhang dazu eingeladen, diese grossartige Wanderung im Gedenken an unsere Mutter nachzuholen. Bruder Thomas mit Luzia, Schwester Annette und Felix, Martin und ich treffen uns also am Donnerstag um 10 h in Wilderswil. Das antike Zahnradbähnchen schraubt uns zuverlässig die bis zu 25% steilen Hänge hinauf auf die Schynige Platte. Kurzer Teelihalt und Besuch im Hygienebereich und ab geht die Post. Auf der Seite gegen Interlaken & Brienz ist dichter Nebel und die Sicht Null. Am morgen bei der Anreise hat es sogar geregnet, obwohl die Prognose noch einen Tag vorher heiter Sonnenschein versprach. Doch auf der sanfter abfallenden Seite des Bergrückens gegen Süden ist es nur bewölkt, so dass uns immer mal wieder ein paar Sonnenstrahlen streicheln. Perfektes Wanderwetter!
In abwechselnder Konstellation bewegen wir uns im Gänsemarsch vorwärts und lauschen den Neuigkeiten oder erzählen selbst von welchen. Felix hat nach der Frühpensionierung soeben eine Ausbildung als naturpädagogische Fachkraft absolviert und leitet zusammen mit Annette ihre Waldspielgruppe. Thomas hat ebenfalls soeben seine Pensionierung vollbracht und sein Geigenbau-Atelier an eine junge Frau weitergegeben. Er enthüllt, dass er das berühmte ESC-Talent und diesjährige Gewinner namens Nemo bereits seit seinen Kleinkindjahren kennt. Geigenspielen war Nemos langjährige Passion.
So vergehen die Stunden im Flug. Immer mal wieder gibt es einen Trink- & Essenshalt. Wir passieren rechterhand den Sägitalersee, umrunden eine grosse Felsnase namens Gotthard und gelangen über ein Karstfeld das Berghaus Männdlenen, wo der Wirt auf der Terrasse gerade im Liegestuhl döst. Hier gibt es Kaffee und Kuchen. Die Hygienezonen bestehen aus drei wackelnden Blechkisten, wobei die erste noch recht stabil ist, die zweite bedenklich schaukelt und die Dritte geschlossen ist. Der kurlige Wirt stolpert mit seinen Latschen über den Lattenboden, wobei die Schuhe auseinanderfallen und er nur knapp einer Katastrophe entgeht. Ebenso unser Kuchen. Danach taut er auf und erzählt noch eine Geschichte, die von Intelligenz und Kondition handelt. Wir lauschen freundlich.
So kommen wir zum letzten Teil des Aufstiegs. Erst erklimmen wir Holztreppenstufen, die für manche Beine viel zu hoch sind. Doch schon bald ist das Ziel in Sicht, und nach einem letzten kurzen, aber steilen Aufstieg, sind wir endlich oben angekommen!
Wir beziehen die Zimmer. Winzige, wabenartige und schiefe Schläuche sind das. Die Betten stehen Kopf an Kopf. Oder Fuss an Fuss. Je nachdem. Noch etwas Yoga mit Annette auf einer Holzterrasse. Gruppenbild. Erst beim Nachtessen hebt sich der Schleier manchmal und gibt den Blick auf Mönch und Jungfrau frei. Der Eiger jedoch ziert und umhüllt sich mit einer blickdichten Federboa aus Wolken. Der Sonnenuntergang scheint danach auf der Bergkuppe mystisch durchs Gewölk, und schon bald ziehen sich die ersten in ihre Haya zurück. Martin und ich sehen uns noch einen Bilderband über Grindelwald seit den Anfängen an und staunen, wie wichtig schon vor über hundert Jahren der Tourismus war. Das Berghotel Faulhorn wurde übrigens bereits 1830 gebaut! Mit den Bettflaschen, die man inzwischen bekommen kann, und den vielen Kissen und Kleiderschichten ist es schon bald zu viel der Wärme. Bis zum Morgengrauen liege ich dann kurzärmelig im Bett.
Der Sonnenaufgang um 6:27 ist atemberaubend! Vorher herrscht noch Eiseskälte und die grossen Berner Alpenriesen sind nun völlig wolkenfrei. Die Rundumsicht begeistert die noch müden Geisterchen. Zuerst sind die Bergspitzen beleuchtet: Schreckhorn, Finsteraarhorn, Eiger, Mönch & Jungfrau. Und dann, PÄNG! Ist die Sonne da. Alles wird gleissend hell und über dem Brienzersee bildet sich bereits wieder eine Wolkendecke. Danach noch ein halbes Stündchen im Bettchen kuscheln.
Nach dem Frühstück gehen wir dann wieder talwärts und kommen schon nach einer Dreiviertelstunde am Bachsee vorbei. Die drei Mannen gönnen sich direkt neben dem Wanderweg ein Morgenbad. Dann wird es etwas anstrengend. Am Ende des Sees werden wir nun Zeugen des massiven Massentourismus. Grindelwald hat sich die Asiaten an Land gezogen. Es wimmelt nur so. Auf der Bergstation First gibt es inzwischen den „First Cliff Walk“, ein Gitterblechweg um den Gipfel herum. Auf einem Steg 50 Meter ins Nichts hinaus stehen die Touristen Schlange, um zuvorderst über dem Abgrund ein Selfie zu schiessen. Im Hintergrund der absterbende Grindelwaldgletscher und das schwindende, einst so mächtige Eismeer. Ziemlich absurd die ganze Szenerie. Einzelnen von uns ist das wohl etwas zu viel, die Stimmung fängt an zu kippen und wird etwas gereizt. Das kann ich gut verstehen, denn damals, 1999, fühlte ich ganz ähnlich und innerlich fiel eine Welt in mir zusammen. Dadurch, dass ich vorgewarnt bin, halte ich es wohl etwas besser aus.
Wir quetschen uns in ein Sechsergondeli und goldeln nach Grindelwald hinunter, vorbei am „First Flieger“, dem „First Glider“, dem „Mountain Cart“ und der „Trottibike“-Abfahrt. Alles Spass-Attraktionen, ohne die es offenbar nicht mehr geht. Im Dorf unten ist es bereits heiss. Wir gehen strammen Schrittes Richtung Bahnhof, der Hauptstrasse entlang. Überall begegnen uns die kosmopoliten Pseudo-Influencer*innen. Manche sehen aus als wären sie aus der Werbung entstiegen. Makellos, scheinbar mit Instagramfilter bearbeitete Haut, Ultralanghaar-Extensions, die mehr an Schaffelle erinnern als an Frisuren. Ich bin amüsiert. Die Klimaanlage im Zug funktioniert nicht, es ist kaum auszuhalten. Zurück in Wilderswil verabschieden wir uns von dem Trüppchen und fahren weiter über Interlaken und den Brünig an den Sarnersee und kühlen uns in der Badi ab. Das Resti ist am Vorabend abgebrannt. Seit zwei Stunden nun ist das Provisorium in Betrieb. Die Heimfahrt über Luzern ist angenehm und wir kommen noch vor Sonnenuntergang in Schöfflisdorf an. Schön wars! Allen herzlichen Dank, die das ermöglicht und uns eingeladen haben!

Schynige Platte-Bahn
Schynige Platte-Bahn
In der Schynige Platte-Bahn (Bild: Felix Hächler)
Schynige Platte Bergstation (Bild: Martin Heimgartner)
Mittagshalt
Schöne Berglandschaft (Bild: Martin Heimgartner)
Trinkhalt (Bild: Martin Heimgartner)
Die Aussicht ist noch etwas verhangen
Steile Wiesen traversieren
Steinblock!
Sägistalsee
Karstfelsen und Tafelberge
Letzte Schneeresten
Männdlenen
Männdlenenselfie (Bild: Martin Heimgartner)
Steile Holztreppe
Blick zurück (Bild: Martin Heimgartner)
Kühe am Abgrund (Bild: Martin Heimgartner)
Zahme Tiere
Karge Landschaft
Schreckhorn in Sicht! (Bild: Martin Heimgartner)
Ziel in Sicht!
Vor dem letzten Aufstieg
Geschafft!
Erste Enthüllungen: Mönch und Jungfrau!
Sonnenuntergang
Der schiefe Gang ins Schlafgemach
Der Schlaf-Schlauch
Morgenpanorama Richtung Thuner- & Brienzersee
Schreck- & Finsteraarhorn
Eiger, Mönch & Jungfrau
Panorama Süd
Panorama Nord (erste Wolken bilden sich über den Seen)
Schwindendes Wasserreservoir (Bild: Martin Heimgartner)
Morgenterrasse (Bild: Martin Heimgartner)
Morgenselfie
Chinesisches Schattentheater (Bild: Martin Heimgartner)
Bachsee
Baden im Bachsee
Photovoltaik und Schindeldach: Und es funktioniert eben doch!
Blick zurück aufs Faulhorn (Bild: Martin Heimgartner)
Der First-Zirkus; hinten: Verschwundener Gletscher (Bild: Martin Heimgartner)
First Cliff Walk
Selfie-Steg
Grindelwald. Wo ist das Eismeer geblieben??
Im Gondeli