Immer noch.
Am Schönsten ist es heute Sonntag Mittag, als wir es uns auf einem grünen Bänkli mit Demeter-Aufkleber gemütlich machen und unser selbstgemachtes Zmittag mampfen: Randenrisotto mit Blaues-Wunder-Käse, zu einer mit Ei verfeinerten Omelette verarbeitet und feinem Salat. Während alle paar Minuten Biker mit und ohne Strom an uns vorbeikeuchen und zwischendurch auch mal ein paar Fussgänger passieren. Eine Frau gesetzten Alters verdreht während ihres Vorbeimarschs permanent ihren Kopf in unsere Richtung, grüsst artig, wünscht „En Guete“ und meint „Ihr habt aber schön gepflegte Bärte!“. Klar bedanken wir uns, auch artig. Am Liebsten hätten wir ihr gesagt, dass sie aber auch schön gepflegte Haare habe. Aber wir denken, die Gesellschaft ist noch nicht soweit. Wildfremden Frauen ein Kompliment zu ihren Haaren abzugeben gilt als anrüchig. Umgekehrt nicht. Die Genderdiskussionen stehen noch in ihren Kinderschuhen.

2 x 2 Goldbären

Freitag. Doch alles der Reihe nach. Heute stapfen wir schon fast in traditionellen Pfaden und fahren mit dem ÖV erst mal nach Bachs. Ich komme mir vor wie eine Mumie. Modetechnisch wird die Coronazeit wohl noch lange in Erinnerung bleiben. Im Postauto lauschen wir, weil wir nicht anders können, weil er so laut redet, einem Alleinunterhalter, der den Buschauffeur vollquatscht. Er macht ihm ein ums andere Mal ein Kompliment, wie gut er doch seinen Bus fahre. Für ihn gäbe es eben nur zwei Sorten von Fahrern: Hardrock und Beethoven. Und er sei eindeutig ein Beethoven für ihn. Da haben wir wieder mal etwas gelernt!

Die Mumie kehrt zurück

Vor der Bachser-Kirche sehen wir entsetzt, wie ein Teil des blühenden Baumes, unter dem wir noch vor zwei Wochen unsere Wähen schmausten, auf das Bänkli runtergekracht ist. Dieser Platz wird uns somit verwehrt. Die Wähen-Frau im Bachsermärt erkennt uns sofort, kommt auf uns zu und erklärt ohne Umschweife und in der von uns präferierten Reihenfolge, was sie heute Feines gebacken kriegte. Wir wählen, sie ahnt es schon, zwei Gemüse- und eine Käse-Zwiebel-Wähe. Letztere schmeckt wie ein Fondue, und bestimmt hat sie Moitié-Moitié und eine halbe Flasche Weisswein darin verarbeitet: Himmlisch! Geschmaust wird dann auf dem Spielplatz, welcher komplett kinderlos ist, was wir sehr schätzen. Wegen dem Lärm.

Heute nicht unser Mittagsbänkli

Wir marschieren los, über Feld und Wald, über Steinmaur bis zur Lägern Hochwacht. Unterwegs sehen wir gebrochene und abgesägte Bäume, lustige, abgesägte Verwachsungen und Försterkunst. Die Kirche Steinmaur sieht hinter dem Horizont aus, als ob sie im Erdboden versinkt.

Versinkende Steinmaur-Kirche vor dem Mürtschenstock

Oben auf der Hochwacht angekommen, nützen wir die Gunst der Minute und gehen an den Take Away, den Urs und Irene, die Pächter, eingerichtet haben. Wir werden mit Namen begrüsst! Unsere Neujahrskarte und regelmässigen Besuche hinterlassen ihre Spuren, was uns freut. Die Aussichtsterrasse ist gesperrt, weil am Flugfunkgebäude gebaut wird. Ein Provisorium aus Gerüstelementen tut nun seinen Ersatzdienst.

Klare Sicht auf die Alpen, aber nicht aufs Mittelmeer
Provisorium

Sonntag. Wir möchten unseren Bärlauchvorrat auffüllen und pilgern an unseren „Geheimplatz“, wo wir letztes Jahr die üppigsten Vorkommen vorfanden. Zuerst geht es von Ehrendingen Richtung Gipsgrueb dem putzigen Bächlein entlang. Dann links hinauf zum Heidewiibli-Loch, welches von lärmenden Familien mit Kinderscharen bevölkert ist. Weiter Richtung Steinhof. Martin entdeckt einen kleinen Pfad, der links im Wald, auf dem kleinen Grat wieder zurück Richtung Heidewiibli-Loch führt. Wir folgen ihm, gespannt, was uns erwartet. Erst mal gibt es hier Kuckucks-Knabenkraut zuhauf, wie die Pflanzenbestimmungs-App uns verrät. Und es sieht hier aus wie auf einer Miniatur-Lägern, so quasi eine zum Üben. Am Ende aber hockt ein Alphamännchen und besetzt den ganzen Weg mit seiner Sippe. Er begafft uns ununterbrochen, und nach kurzer Besprechung beschliessen wir, zurück zu gehen und ein Andermal zu checken, was es hier zu sehen gibt. Rechtsumkehrt. Wieder auf dem regulären Weg, finden wir alsbald das erwähnte grüne Bänklein wieder, wo wir uns verpflegen.

Heidewiibli-Loch
Blick zurück
Der geheime Gratweg
Kuckucks-Knabenkraut

Von hier sind es nur noch etwa 20 Minuten bis zu unserem Erntefeld. Doch oh Weh oh Graus, hier herrscht aus der Schmaus! Erstens ist es knochentrocken und der Bärlauch schlampt. Zweitens sind hier Horden durchgekommen, die teilweise richtig Raubbau betrieben. Ganze Gebiete sind komplett abgerissen und niedergetrampelt. Und wegen der Trockenheit treiben fast keine neuen Blätter aus. Trotzdem reicht es noch gerade für ein Filmchen, welches darüber hinwegtäuscht, dass hier nicht viel zu holen ist. Erst weiter, an einem schattigen und feuchteren Hang, können wir noch etwas ernten. Schön sorgfältig, und nur immer ein Teil eines Bundes, so dass genügend Blätter übrig bleiben, damit die Pflanze blüht und versamt.

Bärlauch-Scheinparadies

Zurück in der Siedlung erspähen wir tolle, gelb- und rotblättrige, feuerfarbige Tulpen. Mega!
Zu Hause erwarten wir noch die Schwiegereltern zum Kaffee. Wir tauschen uns aus und zeigen ihnen stolz unsere neuen Tomatentöpfe. Wenn dann die Frostnächte endlich vorbei sind, können wir endlich anfangen zu pflanzen.