
Samstag. Die Welt droht zurück ins Mittelalter zu fallen. Um so wichtiger ist es, das Errungene zu erhalten. Deswegen unterstützen wir auch die kleinste Pride in der Schweiz, die in Lichtensteig (SG) zum ersten Mal stattfindet. Was für ein Juwel, dieses Altstädtchen! Die Hauptstrasse, leider nicht autofrei, ist bereits mit Regenbögen in diversen Ausführungen geschmückt. Es gibt nur eine handvoll Stände: Als Erstes erblicken wir einen Tisch voller Messer und antiker Ziernägel. Irgendwie befremdlich, bei all den Messerstecher-Attentaten, über die in den Medien berichtet wird. Kurze Zeit später ist er verschwunden und wir erfahren nicht, wie er sich dorthin verirrt hat. Es gibt Biodiversität mit einer Waldtee-Fee, die uns das gleichnamige Getränk zum Probieren gibt (Enthält Rot- & Weisstanne und Thymian); Nachhaltigkeit und Energieberatung im Toggenburg und die Grüne Partei inklusive Mike, dem Präsidenten der Sektion Toggenburg. Mit allen kommen wir ins Gespräch und erfahren dies und das. Drinnen gibt es ein queeres „Wer wird Millionär“ mit 250 Fragen (ich versage schon bei der 4.) und weitere Stände. Z.B. mit dem Buch „Der Urning“ von Philipp Hofstetter über Homosexualität vor 1900. Ein aufgestelltes österreichisches Frauenpaar, die eine mit blondem Wuschelkopf, die andere mit aufgebundenen Rastazöpfen, haben T-Shirts mit Regenbogenherz im Angebot und freuen sich, dass ich eines kaufe, welches mir wie angegossen steht, trotz, oder gerade wegen Kindergrösse L. Sie heiraten im Sommer.
Draussen auf dem Marktplatz ist der Jahresmarkt, und es werden Käse, Rahmtäfeli, Gebäck und weitere Köstlichkeiten aus der Region feilgehalten. Am Foodtruck „fine food factory flawil“ bekommen wir sogar Vegi-Burger mit Pommes. Drei Buben spielen perfekt aktuelle, neu interpretierte Songs auf ihren Handörgelis. Verstärkt, so dass man sie weitherum hört. Und mit nur einem einzigen Notenständer! Es vermischt sich die lokale Bevölkerung, das Gewerbe, die Pride-Besucher, und alle finden es toll. Anschliessend gibt es eine queere Städtliführung mit René Stäheli. Der pensionierte SBG-Banker gibt sein Bestes, zeigt laminierte Ausdrucke passend zum Thema und ja, es gibt Einiges zu erfahren, was in diesem Städtchen so vor sich ging und geht.
Jetzt gibt es Dessert in der Bäckerei Huber, welche extra zum Anlass regenbogenfarbige Cremeschnitten im Angebot hat. Inklusion!
Wieder drinnen findet dann das Podiumsgespräch statt. Es geht um Queerness auf dem Lande. Eine Transfrau, ein Gay-Bauernsohn, eine Lesbe vom Land und Corinne Mauch, die Noch-Stadtpräsidentin von Zürich diskutieren die aktuelle Lage von Menschen, die divers sind. Danach nehmen wir die Gelegenheit beim Schopf und tauschen ein paar Worte mit Corinne aus, inklusive obligatem Selfie. Ich wollte ihr schon lange mal persönlich danken für all das, was sie in Zürich ermöglicht und erreicht hat.
Dann sammelt man sich auf der Hauptstrasse und der Umzug geht pünktlich um 17:15 los. Es gibt nur wenig Musik, aber diese ist sorgfältig ausgewählt. Viele 80-Jahre-Hits, auch ein paar aktuelle Kracher, die wir vom Body-Attack her kennen und mitsingen können. Eine Musikanlage ist mobil und kommt mit durch die engen Gässlein, und nach etwa einer halben Stunde ist die Runde bereits vorbei. Die Musik wird leiser und man hört nun eine She-J, die auf der stationären Musikanlage spielt, von ABBA über Bonnie Tylor bis Freddy Mercury. Sie kennt alle Songs in und auswendig, obwohl sie erst kaum über 20 Jahre alt ist.
Und so landen wir nochmals in der Bäckerei Huber und lassen uns ein weiteres Mal verwöhnen. Danach schlendern wir gemütlich über den Mini-Reberg und über die Thur zum Bahnhof.





















Sehr hübscher Bericht! Danke. Und nun alle auf an die 1. Glarus Pride am 5. Juli 2025!
Ich bin bass erstaunt, dass sowas in Lichtensteig im St. Gallischen möglich ist. Die Leute dort scheinen aufgeschlossen zu sein, was man von Zürich aus, nicht einmal zu denken wagt…
Dass unsere Stadtpräsidentin dort aufkreuzt ist ein Gutes Zeichen.
Tolle Fotos aus der Zivilisation und dem Fortschritt auch auf dem Land!
Vielen Dank, dass ihr dort wart. Es ist extrem wichtig, dass wir uns zeigen in diesen Zeiten 🌈❤️🌈